Diese Website empfehlen:

letzte Kommentare

RSS

Wer ist Online?

Wir haben 45 Gäste online
The next version of Ubuntu is coming soon
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner

Geschrieben von: magazin-deutschkand Freitag, den 06. November 2009 um 20:01 Uhr

Benutzerbewertung: / 1
SchwachPerfekt 

Im Zentrum der Klimaforschung

babelsberg_einsteinturm_250Sie reisen auf Eisschollen durch die Arktis oder ergründen am Rechner komplexe Prozesse des Klimawandels: Im Wissenschaftspark Albert Einstein in Potsdam arbeiten in drei großen Denkfabriken die Vordenker der Klimaforschung

Von Reinhard Osteroth

Der Klimagipfel von Potsdam ist 94 Meter hoch. Das ist in Brandenburg, inmitten der flachen Fluss- und Seenlandschaft mit den vielen Kiefernwäldern, eine beachtliche Höhe. Auf dem Telegrafenberg, am Rande der brandenburgischen Hauptstadt, liegt der Wissenschaftspark Albert Einstein. Ein herausragender Standort der Wissenschaft war das hier schon im 19. Jahrhundert. Heute arbeiten auf dem Berg drei international renommierte Institute, die sich seit 1992 der Erforschung des Erdkörpers und seiner Atmosphäre verschrieben haben: Potsdam ist eins der international wichtigsten Zentren der Klimaforschung. Die Forschungsstelle Potsdam des AWI, des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, konzentriert sich auf die Erforschung der arktischen Landmassen. Das GFZ, das Deutsche GeoForschungsZentrum, untersucht das Innere des „Sys­tems Erde“. Und das PIK, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, entwickelt mit einem interdisziplinären Ansatz von Natur- und Sozialwissenschaften Modelle, die die Folgen des Klimawandels zu beschreiben versuchen.

Früher wurde vom Telegrafenberg der Himmel beobachtet. Heute ist er ein von Wegen durchzogener Landschaftspark voller schöner Klinkerbauten. Viele Gebäude haben eine Metallmütze, darunter waren die Teleskope. Ob die Forscher die Aura des Ortes schätzen? „Ich genieße es jeden Tag“, sagt Hans-Wolfgang Hubberten. Der Leiter des AWI Potsdam gehört zu den Männern der ersten Stunde. Seit 1992 brachte er die Forschungsstelle auf Kurs, die die Tradition der Arktis- und Antarktisforschung der DDR fortführt. Hubberten ist Periglazialforscher und steht damit auch mitten in der Klimaforschung. Ein Phänomen ist besonders bekannt geworden: Aus dem getauten Permafrostboden entweicht Methan – ein Treibhausgas. Ob sich einschätzen lässt, wie viel Methan den antauenden Dauerfrostböden künftig entweichen wird?

Professor Hubberten erläutert ein komplexes Geschehen. Trotz der Offenheit mancher Fragen schließt er mit der Annahme, dass die Erhöhung der Auftautiefe des Permafrostes auch eine Verstärkung des Treibhauseffekts bewirkt. Das Gespräch hat, fast beiläufig, auch etwas freigelegt, was in den Begegnungen auf dem Telegrafenberg zum nachhaltigen Erlebnis wird: Menschengemachte Prozesse und geo­logische Phänomene, schon für sich komplex, müssen in ihrer noch komplexeren Wechselwirkung verstanden werden. Äonen der Geologie und 200 Jahre Industriezeitalter, das sind die disparaten Zeithorizonte im Rückblick. In der Vorausschau aber verkürzen sich die Fris­ten, die uns für das Handeln bleiben. So sehen es die Wissenschaftler des PIK, die aus dem, was wir heute wissen, Szenarien für die kommenden Jahrzehnte erstellen. Nur in diesem Sinne ist es fast ein glücklicher Umstand, dass wir Malte Meinshausen lediglich zu einem kurzen Gespräch treffen können. Im PIK muss derzeit alles etwas schneller gehen, denn die Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen wirft ihre Schatten voraus. Meinshausen ist der Leitautor einer Studie, die gerade in „Nature“ veröffentlicht wurde, das Ergebnis einer dreijährigen Arbeit von Wissenschaftlern aus Deutschland, Großbritannien und der Schweiz. Leitfrage: Was muss geschehen, wenn das von über 100 Staaten angestrebte Ziel erreicht werden soll, die globale Mitteltemperatur nicht um mehr als 2 Grad Celsius ansteigen zu lassen? Die Antwort: Von 2000 bis 2050 dürfen nur eintausend Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Ein Drittel davon aber wurde bereits in den vergangenen neun Jahren in die Atmosphäre entlassen. Kein Wunder, dass Meinshausen die Kopenhagener Verhandlungen mit Spannung erwartet. Das PIK erstellt seine Modelle und Szenarien in aufwendigen, nur von Computern zu leis­tenden Rechnungen. In der jüngsten Studie wurden rund 1000 zeitliche Verläufe von Emissionsreduktionen simuliert.

Der Direktor des PIK, Hans Joachim Schellnhuber, berät auch die Bundesregierung und will dabei helfen, „das Unbeherrschbare zu vermeiden und das Unvermeidbare zu beherrschen“. Diese Formel spielt ebenfalls auf das Zwei-Grad-Ziel an. Denn über dieser Grenze könnten tückische Prozesse ausgelöst werden, die kaum noch zu kalkulieren sind. 16 mögliche „anthropoge­ne Kipp-Prozesse“ im klimatischen Sys­tem der Erde hat das PIK ausgemacht (siehe S. 24). Schellnhubers Kollege Stefan Rahmstorf ist Mitautor des Weltklimareports der Vereinten Nationen, der 2007 viel Aufmerksamkeit erlangte. Er ist sicher, dass die größten Gefahren in den Extremereignissen liegen: Hitzewellen, Dürren, Überflutungen und Sturmfluten aufgrund des steigenden Meeresspiegels. Auswirkungen des Klimawandels, die auch Deutschland treffen: Climreg heißt ein PIK-Projekt zur Klimafolgenabschätzung für Deutschland. Anschaulich beschreibt der Meteorologe Peter C. Werner, einer der 23 Mitarbeiter des Projekts, wie sich im Vergleich zur ers­ten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Vegetationsperiode schon um zwei Wochen verlängert habe und die Apfelblüte eine Woche früher beginne.

Auf dem Rückweg vom PIK passiert man das Magnetische Observatorium von 1888. Heute nutzt das GeoForschungsZentrum diesen Bau. Bekannt wurde das GFZ durch die Entwicklung eines Tsunami-Früh­warn­sys­tems für Asien, an dem der Wissenschaftler Jörn Lauterjung maßgeblich beteiligt war. Seit 1995 untersucht das GFZ mit Satelliten das Schwerefeld der Erde und liefert präzise Daten, die in die klimatischen Modellbildungen eingehen. Zusammen mit US-Kollegen haben die GFZ-Wissenschaftler gerade die Wechselwirkungen von Solarstrahlung, Atmosphäre und Ozean simuliert. Für GFZ-Leiter Reinhard Hüttl belegt die Studie, wie wichtig es zum besseren Verständnis des vom Menschen beeinflussten Klimawandels sei, „die darunterliegenden natürlichen Klimaveränderungen zu verstehen“. Deren Ursachen sind noch lange nicht genügend erforscht.

Auch Klaus Dethloff, Sektionsleiter für Atmosphärenforschung am Potsdamer AWI, will noch mehr Genauigkeit in die Klimamodellierungen bringen. Er arbeitet an Modellen für die Polarregionen. Sie spielen eine Schlüsselrolle für die Klimaforscher, sind aber noch „datenarme Gebiete“. Dethloff erstellt Klimamodell­systeme, mit denen die physikalischen Prozesse in Ozean, Atmosphäre und Eismassen zu einer Klimabeschreibung gebündelt werden. Neue interessante Daten hat er von Meteorologietechniker Jürgen Grae­ser bekommen. Er konnte als erster ausländischer Forscher an einer sieben Monate dauernden Drift-Expedition mit Kollegen aus St. Petersburg teilnehmen. Ein Abenteuer: auf einer Eisscholle 850 Kilometer durch das arktische Meer. Bei bis zu minus 40 Grad absolvierte Graeser ein umfangreiches Messprogramm. Erstmals wurde die winterliche Atmosphäre über der zentralen Arktis so lückenlos dokumentiert. Solche Messreihen sind genau das, was Klaus Dethloff für seine Arbeit braucht.

Potsdam als Zentrum der Klimaforschung bekommt bald Zuwachs: Noch im Herbst 2009 wird das IASS, das Institute for Advanced Studies in Climate, Earth Sys­tem and Sustainability, die Arbeit aufnehmen. Initiator und Gründungsdirektor ist Klaus Töpfer, ehemals Bun­des­umweltminister und Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Das IASS soll ausgerichtet sein auf die „Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und den Entscheidungsprozessen in Politik und Gesellschaft“, so Töpfer. Auch Reinhard Hüttl und Hans Joachim Schellnhuber sind in das neue Projekt involviert. Klaus Töpfer will internationale Spitzenwissenschaftler nach Potsdam holen: 25 Mitarbeiter wird das IASS haben. Weitere 25 Gastwissenschaftler sollen hier, jeweils für zwei Jahre, im Austausch mit den Potsdamer Kollegen an ihren Forschungsprojekten arbeiten.

Der Abstieg vom Potsdamer Klimagipfel macht nachdenklich. Der Globus, den man im Kopf trägt, hat sich nach den Gesprächen mit den Wissenschaftlern verändert: Instabiler ist er geworden, unberechenbarer, voller Strömungen und Bewegungen, vereist, getaut, von der Sonne bestrahlt, von den Forschern durchbohrt, seziert und ständig beäugt, ein riesiger Magnet, ein Treibhaus, von immer mehr Menschen bevölkert. Ein mächtiges Gebilde, ein verletzliches Gebilde.

30.10.09
Quelle: magazin-deutschland.de
Banner