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Geschrieben von: magazin-deutschkand Freitag, den 06. November 2009 um 20:31 Uhr

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Im Klimasekretariat der Vereinten Nationen in Bonn arbeiten 350 internationale Fachleute gegen den globalen Klimawandel an. Mit viel Engagement analysieren sie Daten, bereiten Ver­trags­texte vor und organisieren Konferenzen. Zu tun gibt es immer mehr.

Von Walter Schmidt

Es ist warm im schlossähnlichen Haus Carstanjen, unangenehm warm. Die schwere Luft fühlt sich an, als hätte sich die unheilvollste Prognose des Weltklimarates (IPCC) schon erfüllt: Demnach könnte die Temperatur der irdischen Lufthülle bis 2100 um 6,7 Grad zulegen. Im Bonner Sitz des Klimasekretariats der Vereinten Nationen (VN) jedoch liegt die drückende Atmosphäre schlicht daran, dass es ein gewit­t­riger Sommertag ist. Obendrein heizen einige hundert Computer den Büros ein. Auf den – Strom fressenden – Komfort einer Klimaanlage müssen die 400 Mitarbeiter des Klimasekretariats verzichten. Keine noble Geste. „Das Gebäude hat einfach keine“, sagt John Hay, der mit deutschem und britischem Pass ausgestattete Sprecher des Sekretariats.

Seine Kollegen und er behelfen sich mit auf Durchzug gestellten Fenstern. Das ist zwar ungemütlich, gemahnt aber schweißtreibend an den Sinn der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change, kurz: UNFCCC): Auch die Erde verfügt über kein Hilfsmittel, das die Temperatur ihrer Atmosphäre auf den derzeitigen Stand von rund 15 Grad Cel­sius einfrieren kann. Da haben es die 350 anderen Bonner VN-Beschäftigten, aufgeteilt auf 18 weitere Sekretariate und Büros, besser. Sie arbeiten inzwischen im ehemaligen Abgeordnetenhochhaus des Bundestages, dem „Langen Eugen“ im früheren Regierungsviertel Bonns. Bis 2011 wird auch das Klimasekretariat auf diesen sogenannten „UN-Campus“ umziehen.

Dabei müssen die Planer beachten, dass die aus über 60 Ländern stammende Truppe der Klimaschützer noch größer wird. „Bis 2011 sollen es 500 Mitarbeiter sein“, sagt Hay. Eine Folge davon, dass Klimaschutz immer stärker auf die politische Agenda drängt und das zuständige VN-Sekretariat zunehmend mehr Daten verarbeiten, Vertragstexte und Konferenzen vorbereiten muss – fast jeden Tag gibt es eine, irgendwo auf der Welt. Eine Abteilung, geleitet von der Sudanesin Salwa ­Dallalah, ist eigens dafür zuständig.

Dabei waren die Anfänge äußerst bescheiden. Besucher führt Hay bisweilen in den Marshall-Raum im „Schloss“, dem alten, 1892 erbauten Teil des Hauses Carstanjen. Hier tagten von 1949 bis 1953 die Mitarbeiter des Bundesministeriums für Angelegenheiten des Marshallplanes, also des von den USA finanzierten Wiederaufbauprogramms für Europa. „Als das Klimasekretariat 1996 von Genf nach Bonn umzog, passten hier all seine 16 Mitarbeiter locker hinein“, amüsiert sich Hay noch immer. Heute würde hier nicht einmal ein Viertel der Beschäftigten Platz finden.

Bei einer Versammlung aller Mitarbeiter kämen viele Anwälte zusammen, die an den Vertragstexten feilen; außerdem Physiker und Mathematiker, die den eingehenden Datenwust durchschauen und beurteilen können, ob die ergriffenen Maßnahmen des Kyoto-Protokolls zur Reduktion von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen tatsächlich klimaschonend wirken. Zu ihnen würden sich Ingenieure gesellen, die Staaten und Unternehmen bei sogenannten CDM-Projekten („Clean Development Mechanism“) unterstützen können, einem wichtigen Hebel zur Umsetzung internatio­naler Klimaschutzvorgaben. Dabei können Kyoto-Vertragsstaaten die ihnen auferlegten Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern ergreifen und diesen möglichst zugleich dabei helfen, sich nachhaltiger zu entwickeln. Bis Ende August 2009 hatte das Klimasekretariat fast 1800 CDM-Vorhaben in 57 Staaten registriert, 622 davon in China und 450 in Indien. Bei drei Viertel der Projekte geht es um Energieproduktion. „Das Programm ist mittlerweile sehr populär“, freut sich David Abbass, der beim Klimasekretariat für CDM-Projekte zuständig ist.

Ein Teil seiner Arbeit besteht deshalb darin, zu erklären, wie das Maßnahmenbündel funktioniert: nämlich dort Abgase einzusparen, wo es am günstigsten ist, „denn der Erde ist egal, wo es passiert“, sagt der Kanadier. Entscheidend sei, „dass die erzielten Effekte messbar und zusätzlich sind“. Eine Abfallanlage in Afrika zum Beispiel, die von einem deutschen Unternehmen errichtet worden ist, hätte ohne dieses CDM-Projekt auf absehbare Zeit nicht zustande kommen dürfen. Bewertet wird das von eigens dafür legitimierten Gutachter-Büros. Der Nachweis des klimawirksamen Zusatzeffekts ist unabdingbar, denn immerhin erwirbt das betreffende Unternehmen durch seinen Projekteinsatz ein beglaubigtes Zertifikat, eine Art Verschmutzungsrecht, das es zum jeweils gültigen Tageskurs weiterverkaufen kann.

Doch nicht nur Unternehmen können die Zertifikate an der Emissions-Börse kaufen, sondern auch Staaten, die nach dem Kyoto-Protokoll ihren Ausstoß an Klimagasen herunterfahren müssen. „Solche Länder können die Certified Emission Reductions, abgekürzt CERs, erwerben und so einen Teil ihrer Reduktionsverpflichtungen erfüllen“, erklärt Abbass die zentrale Idee des Konzepts. Auf jeden Fall müssen sie aber auch selbst klimaschädliche Emissionen vermindern. Das alles ist im Detail kompliziert, das Klimasekretariat hat daher die Aufgabe, Staaten bei ihrer Schadstoffausstoß-Inventur zu helfen.

Leider ist der Fortschritt bei den Klimaverhandlungen zäh. Das zeigen auch die Vorbereitungen für die große Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009, wo nichts Geringeres gelingen muss als neue Klimaschutzvorgaben für die 2012 auslaufenden des Kyoto-Abkommens. Im Marshall-Raum des Hauses Carstanjen hängt ein Plakat, mit dem seinerzeit für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas geworben wurde – und dessen Gestaltung mit Blick auf das Klimasekretariat geradezu prophetisch erscheint. Man sieht einen Windmühlenflügel, wie sie für US-Farmen typisch sind. Jeder der 16 Rotorflügel ist mit der Flagge eines europäischen Landes verziert. Darunter steht auf Englisch: „Bei welchem Wetter auch immer – Wohlstand erreichen wir nur zusammen.“ Auch die Klimaschützer könnten so für ihre Sache werben. Nur müsste das Windrad nahezu 200 Flügel aufweisen – ­einen für jeden Staat auf der Erde.

15.09.09
Quelle: magazin-deutschland.de
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