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Geschrieben von: magazin-deutschkand Freitag, den 06. November 2009 um 23:19 Uhr

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Trockenheit und Überschwemmungen: Die Klimaveränderungen erhöhen in Westafrika die Gefahr von Missernten. In Ghana und Burkina Faso haben deutsche Forscher den Wandel untersucht. Von den Ergebnissen proftiert die Landwirtschaft in der Region

Von Dirk Asendorpf

by Zentrum für Entwicklungsforschung/Uni Bonn

„Erst hatten wir keinen Regen für die Saat“, sagt Chief Afao, „als er dann kam, waren die Unwetter so heftig, dass viele Sprösslinge weggeschwemmt wurden.“ Der groß gewachsene Mann mit dem bestickten Kopfschmuck ist die oberste Autorität in Biu, einem Dorf im Norden Ghanas. Kinder toben zwischen den Lehmhäusern, Frauen breiten frisch geerntete Hirse auf Plastikfolien zum Trocknen aus, der Blick geht über kleine Felder, auf denen Sorghum, Cassava, Mais oder Erdnüsse sprießen. Dahinter dehnt sich die üppig grüne Savanne aus. Kaum zu glauben, dass hier noch vor ein paar Wochen Hunger herrschte. Doch zu Beginn der vergangenen Trockenzeit waren die Speicher bereits fast leer. Um bis zur Regenzeit durchzuhalten, mussten viele Bauern ihr Vieh verkaufen und Arbeit in einer der viele hundert Kilometer entfernten Großstädte in Süd-ghana suchen.

Dieses Jahr hatte das Dorf mehr Glück, doch Chief Afao wird seine Sorgenfalten nicht los.

Der Ernteausfall war kein einmaliges Unglück, er hängt mit dem globalen Klimawandel zusammen, hat ihm Wolfram Laube erklärt. Der deutsche Wissenschaftler hat seine Doktorarbeit über die Veränderungen geschrieben, die der Treibhauseffekt für die Landwirtschaft in Nordghana mit sich bringt. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, hat er selber längere Zeit in der Region gelebt und ein Reisfeld bestellt. Er ist mit einer Händlerin aus dem Nachbarstädtchen Navrongo verheiratet, spricht die lokale Sprache und hat erlebt, wie produktiv der Austausch zwischen Wissenschaftlern und Dorfbewohnern ist. „Wir haben Zahlen und Formeln“, sagt Laube, „sie haben ein ungeheures lokales Wissen.“

Fast 100 Wissenschaftler, je zur Hälfte aus Deutschland und Westafrika, haben die ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge rund um den Wasserkreislauf im Einzugsgebiet des westafrikanischen Volta-Flusses untersucht. Jetzt, am Ende des neunjährigen, vom Bundesforschungsministerium finanzierten Projekts, sind alle Ergebnisse in einer Geodatenbank gespeichert. „Selbst für den Rhein ist die Datenlage nicht so gut“, sagt Jens Liebe, Hydrologe am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn und Koordinator des Glowa-Volta-Projekts. Die Abkürzung „Glowa“ steht für „globaler Wasserkreislauf“, andere Wissenschaftler haben in Marokko, am Jordan, an Elbe und Donau geforscht.

Überall konnten sie Vorboten des Klimawandels beobachten. In Westafrika bringt er den gewohnten Ablauf von Trocken- und Regenzeit durcheinander. Die Bauern spüren es und die Wissenschaftler bestätigen die Veränderung anhand ihrer Messungen. „Die Jahresniederschlagsmenge bleibt gleich“, sagt Liebe, „doch die Verteilung verändert sich. Wir beobachten das Paradox, dass sowohl Dürren als auch Fluten zunehmen.“ Früher hatten die Bauern ein gutes Gefühl dafür, wann der richtige Zeitpunkt für die Aussaat gekommen war. Doch in den vergangenen Jahren lagen sie häufig falsch. „Wenn wir zu früh aussäen, vertrocknen die Keimlinge“, sagt Avaala Azure, ein älterer Bauer aus Kandiga, „säen wir zu spät, wird das Getreide bis zum Ende der Regenzeit nicht reif.“

Eine der wichtigsten Aufgaben im Glowa-Volta-Projekt war deshalb die Entwicklung eines Modells für den richtigen Zeitpunkt zur Aussaat. „Inzwischen können wir diesen mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmen“, sagt Jens Liebe. Diese Information wird per Radio an die Bauern weitergegeben. Ganz ungefährlich ist das nicht. Wenn die Berechnung stimmt, werden die landwirtschaftlichen Erträge zwar steigen, ist sie jedoch falsch, droht nicht nur einzelnen Bauern, sondern der gesamten Region eine Missernte – und damit Hunger. Neben ihren Erkenntnissen versuchen die Glowa-Volta-Forscher deshalb auch eine realistische Portion Skepsis gegenüber der Zuverlässigkeit von Modellrechnungen an die Bauern zu vermitteln.

Das ist gar nicht so schwer. Denn schon oft haben sie gut gemeinte Projekte scheitern sehen. Mitten in der Kleinstadt Sirigu steht eine moderne Betonbrücke. In vier Metern Höhe überspannt sie einen Bach, doch niemand hat sie je benutzt, denn auf beiden Seiten fehlen die Zufahrten. Und so werden die Menschen noch immer bis zum Bauch nass, wenn sie in der Regenzeit durch die Furt unter der Brücke waten. Auch Mister Dalwini steht bis zu den Hüften im Wasser. Sein Bauernhof liegt direkt am Weißen Volta. „In Flussnähe ist der Boden besonders fruchtbar“, sagt er. Leider ist dort auch die Gefahr besonders hoch, dass die Ernte in der Regenzeit im Hochwasser versinkt.

Nicht immer ist das Wetter daran Schuld. Diesmal war es eine Entscheidung im Nachbarland Burkina Faso. Wenn dort, am Oberlauf des Volta, nach einem Tropenguss die Notüberläufe der Staudämme geöffnet werden, dann versinken Dalwinis Felder ein paar Stunden später im Wasser. Bis letzes Jahr geschah das ohne jede Vorwarnung. „Diesmal sind Lautsprecherwagen herumgefahren und auch im Radio haben sie uns gewarnt, dass eine Flutwelle kommt“, sagt der Landwirt. Die Information kam von der Volta Basin Authority. Die 2007 von allen sechs Anrainerstaaten gegründeten Behörde ist für die Überwachung des Wasserhaushalts im Voltabecken zuständig. Einige der afrikanischen Doktoranden des Glowa-Volta-Projekts haben dort Arbeit gefunden. Das computergestützte Modell des Wasserkreislaufs, das die Forscher entwickelt haben, ist die wichtigste Entscheidungshilfe der internationalen Behörde. Jede Maßnahme kann damit zunächst virtuell durchgespielt werden. Ein neuer Staudamm steigert zum Beispiel die landwirtschaftliche Produktion in den benachbarten Dörfern. Gleichzeitig verdunstet mehr Wasser, im Unterlauf sinkt der Flusspegel. Ein Teil des verdunsteten Wassers kehrt jedoch später als Niederschlag wieder zurück. In welchem Verhältnis all diese Effekte stehen, zeigt die Simulation am Computer. Und sie berücksichtigt auch die Veränderungen, die der Klimawandel bringt.

Mister Dalwini freut sich, dass er Dank der neuen internationalen Kooperation diesmal seine Fischzucht retten konnte. Gleichzeitig hat er für den Fall vorgesorgt, dass der Informationsfluss beim nächsten Mal nicht wieder so gut klappt. Mit der Dieselpumpe, die er sich gekauft hat, kann er zwar keine Flutwelle aufhalten, einen Verlust der Regenzeit-Ernte aber durch Bewässerungsfeldbau in der Trockenzeit einigermaßen ausgleichen – und so den Wirrungen von Klima und Bürokratie ein Schnippchen schlagen.

www.glowa-volta.de

07.07.09
Quelle:magazin-deutschland.de
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