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Geschrieben von: magazin-deutschkand Freitag, den 06. November 2009 um 23:21 Uhr

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Die Galapagos-Inseln sind ein beliebtes Ziel von Natur- und Tierliebhabern. Und von Wissenschaftlern: Um das gefährdete Ökosystem zu retten, arbeiten dort Forscher aus aller Welt an Lösungsvorschlägen, darunter auch zwei deutsche Biologen

Von Antje Weber

Galapagos Seelöwe (by Kelly J. Kane)

Mit Seelöwen schwimmen, Albatrosse beim Brüten beobachten, Meerechsen beim Mittagsschlaf zuschauen und Pinguinen beim Sonnenbad: die Galapagos-Inseln, auf denen einst Charles Darwin zu seinen Theorien über die Abstammung der Arten inspiriert wurde, sind ein Traumziel von Natur- und Tierliebhabern. Und von Wissenschaftlern: Um das gefährdete Ökosystem der kleinen Inseln im Pazifik vor Ecuador zu retten, arbeiten dort Forscher aus aller Welt an Lösungsvorschlägen – auch aus Deutschland.

„Jeder denkt bei Galapagos an Riesenschildkröten oder Meeresleguane“, sagt der deutsche Biologe Frank Bungartz, „aber wer kennt sich schon mit Spinnentieren aus? Oder mit obskuren Insekten?“ Doch gerade Spezialisten mit anscheinend abseitigen Themen werden auf Galapagos gebraucht, um das komplexe Zusammenspiel von Natur und Tierwelt zu erforschen.

Bungartz zum Beispiel ist Kryptogamen-Biologe, also Fachmann für Pilze, Moose und Flechten. Er arbeitet an der Charles-Darwin-Forschungsstation auf der Insel Santa Cruz, ebenso wie Matthias Wolff. Der Meeresbiologe gehört sogar dem Direktorium dieser Stiftung an, die Ende der 50er-Jahre vom deutschen Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt angeregt wurde: Deutsche Forschung hat auf Galapagos Tradition.

Und Forschung ist auf den Inseln, die seit Mitte 2007 als gefährdetes Weltkulturerbe auf der Roten Liste der Unesco stehen, wichtiger denn je. „Das größte Problem ist die Zunahme des menschlichen Einflusses“, sagt Wolff. Damit meint er nicht nur die direkten Auswirkungen von inzwischen 175000 Touristen pro Jahr, die auf festen Pfaden in geführten Gruppen über die Inseln wandern. Schlimmer seien die Sekundäreffekte: „Neue Arten werden eingeschleppt, das Wasser wird verschmutzt, mehr Müll produziert, mehr Benzin verbraucht.“ Die Gefahr, dass das System irgendwann umkippt, wächst. „Es gibt hier schon mehr eingeführte als einheimische Arten“, sagt Wolff, und harmlos wirkende Sträucher wie zum Beispiel die Brombeere überwuchern die Inseln inzwischen dermaßen, dass man „kaum mit der Machete durchkommt“.

Matthias Wolff und Frank Bungartz versuchen solche Entwicklungen zu verhindern. Die Arbeit von Wolff, der als Direktor die Verantwortung für die Meeresforschung der Station trägt, hat drei Schwerpunkte: Zum einen analysiert der 54-Jährige zusammen mit der Verwaltung des Nationalparks Galapagos die Fischerei von Seegurken, Langusten und Weißfischen. Ein zweites Projekt untersucht, wie sich Lebensgemeinschaften in flachem Wasser zusammensetzen und verändern. Die gewonnenen Daten sind die Grundlage für verschieden stark geschützte Zonen, in die ganz Galapagos eingeteilt ist. „In einem Gebiet mit seltenen Korallen darf man zum Beispiel nicht ankern und nicht fischen“, sagt Wolff. Ein dritter Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Markierung von Haien mit akustischen und Satelliten-Marken, um deren Wanderverhalten besser zu verstehen und Schutzzonen einzurichten.

Was dem Meeresbiologen angesichts all dieser Aufgaben besondere Sorgen bereitet? „Die starke Wassererwärmung durch Klimaphänomene wie El Niño”, sagt Wolff. In den Jahren 1983 und 1984 zum Beispiel seien dadurch 90 Prozent der Korallen gestorben. Erst vor kurzem gab es zu den Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung einen Workshop auf Galapagos. Dabei diskutierten internationale Wissenschaftler heftig darüber, ob in Zukunft mehr solcher verheerenden Phänomene zu erwarten seien. Wolff selbst sieht auf Galapagos nach der Analyse von meteorologischen Daten der letzten 45 Jahre trotz allem „erstaunlich konstante Bedingungen: Zur Panikmache ist kein Anlass.“ Doch zum Ausruhen ebenso wenig. Fach-übergreifende Arbeit sei wichtig, sagt Frank Bungartz, der den Bereich Biodiversitätsforschung der Stiftung leitet. Mit seiner Fachgruppe versucht er, Grundlagen für die Abschätzung von Risiken zu erarbeiten. Er wertet die Daten der naturhistorischen Sammlungen der Station aus, stellt Checklisten für die weitere Forschung ins Internet. Und macht dabei überraschende Entdeckungen: So sind längst noch nicht alle auf den Inseln vorkommenden Arten bekannt. Was die Flechten angeht, ging man vor drei Jahren zum Beispiel noch von 229 Arten aus, heute bereits von 600: „Die Liste hat sich in drei Jahren fast verdreifacht.“

Das Feld der Forschungsaufgaben scheint auf Galapagos also unendlich groß zu sein. Ist das fast 1000 Kilometer vom Festland entfernte, schwach besiedelte Archipel demnach ein Paradies für Wissenschaftler? Für Matthias Wolff, als Professor von der Universität Bremen freigestellt, bedeutete der Aufbruch nach Galapagos vor anderthalb Jahren „schon ein bisschen die Verwirklichung eines Traumes“. Aus dem er allerdings schnell aufwachte: Denn anstatt wie erhofft weniger administrative Arbeit als in Bremen zu haben, sah er sich auf Galapagos im Gegenteil noch stärker in strategische Planungen, Verwaltungsaufgaben und politische Verhandlungen eingebunden als in Deutschland. Das möchte Wolff, der zusammen mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern ansonsten Gefallen an dem ruhigen Leben auf den Inseln findet, in seinem voraussichtlich letzten Jahr auf Galapagos ändern und wieder selbst mehr forschen.

Auch der Galapagos-Traum von Flechtenspezialist Frank Bungartz ist nicht ganz ungetrübt. Zwar ist der 41-Jährige, der zuvor unter anderem an der Arizona State University gearbeitet und promoviert hat, „natürlich begeistert davon, hier zu arbeiten. Es ist eine einmalige Chance und macht mir viel Spaß.“ Doch immer nur einfach ist das Leben auf den Inseln nicht: Alle paar Monate bekommt der Forscher, der mit seiner Frau seit dreieinhalb Jahren im Städtchen Puerto Ayora auf Santa Cruz wohnt, wegen der Isolation schon mal einen kleinen Insel-Koller. Ganz davon zu schweigen, dass er auf Dauer „absurde Kleinigkeiten“ wie Lakritze oder gutes deutsches Brot vermisst.

Doch wesentlich schwieriger ist es für ihn, mit seiner unsicheren Arbeitssituation fertig zu werden: Der Personalwechsel in der Station ist hoch, viele Forscher kommen nur für kurze Zeit. Wer länger bleiben will, muss sein Gehalt über Spenden und Forschungsgelder letztlich selbst einwerben. „Keine Ahnung, wie lange ich noch bleiben werde“, sagt er, „ich hangele mich von Jahr zu Jahr weiter.“ Auch das verbindet ihn mit den Galapagos-Inseln: Beider Zukunft ist ungewiss.

06.07.09
Quelle:magazin-deutschland.de
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