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Geschrieben von: magazin-deutschkand Samstag, den 07. November 2009 um 12:04 Uhr

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Ein Riesen-Offshore-Windpark in der Nordsee, ein großes Geothermie-Kraftwerk bei Hannover und ein Milliarden-Projekt für Solarstrom aus der Wüste. Deutschland begegnet den Herausforderungen des Klimawandels mit grüner High-Tech im großen Stil

Von Georg Meck

Deutschland surft auf der grünen Welle: Die Umweltindustrie wird bis zum Jahr 2020 die wichtigste Branche sein und damit der Jobmotor des Landes. „Umwelttechnik ist die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts“, sagt Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger. Die Berater haben die Aussichten der Branche analysiert und dazu 1300 Unternehmen und 200 Forschungseinrichtungen befragt. Was dabei herauskam, gibt zu kühnen Hoffnungen Anlass: Der Umsatz der globalen Umweltindustrie wird sich bis zum Jahr 2020 mehr als verdoppeln, auf dann 3100 Milliarden Euro. Und Deutschland marschiert dank seiner grünen Champions vorne weg. Geschäfte mit Sonne, Wind und Wasser sind schon heute ein Exportschlager.

Deutsche Firmen gehören zu den technologischen Vorreitern weltweit. Ihr Weltmarktanteil in den Zukunftsbranchen Photovoltaik, Solarthermie, Wind- und Wasserkraft liegt zwischen 21 und 35 Prozent. Unter den Biogasherstellern dominiert Deutschland den Markt, „90 Prozent der Anlagen werden hierzulande hergestellt“, sagt Unternehmensberater Torsten Henzelmann. 14 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts werden im Jahr 2020 auf das Konto der neuen Boombranche gehen. 2,2 Millionen Menschen werden in einem Jahrzehnt dort Arbeit finden – im Moment ist die Zahl mit 1,1 Millionen Arbeitsplätzen gerade halb so hoch.

Die Volkswirtschaft steht folglich vor einem tiefgreifenden Wandel: Nicht mehr Autos, nicht die Chemie, auch nicht der Maschinenbau – nein, die grüne Hightech wird das Land prägen, wird Jobs und Wohlstand schaffen. Tatsache ist: Längst ist die grüne Hightech aus der Öko-Ecke in den Blickpunkt gerückt. Dabei hat die Umweltbewegung der frühen Jahre den Erfolg zweifellos begünstigt. Sie bereitete ihr in der Gesellschaft und in der politischen Willensbildung das Feld. Rigide Umweltgesetze und Unterstützung durch Subventionen begünstigten den Aufstieg der Umweltfirmen. „Die Umwelttechnik ist eines der Lieblingskinder der Politik und wird entsprechend unterstützt“, sagt Henzelmann.

Den Zeitgeist im Rücken, konnten sich deutsche Ingenieurstugenden entfalten und ihre Meisterschaft in einer Reihe von Bereichen beweisen: erneuerbare Energien, Rohstoff- und Materialeffizienz, nachhaltige Mobilität, ökologische Wasserwirtschaft, Entsorgung von Abfällen. Stets spielt grüne Technologie „made in Germany“ vorne mit. Amerika und China holen zwar auf, sagt Dietmar Edler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, „Deutschland wird seine Wettbewerbsposition aber halten können. Sein technologischer Vorsprung und sein Know-how sind beachtlich.“

Da in der Umweltbranche eine attraktive Rendite lockt, stecken auch private Investoren immer mehr Geld in die Greentech. Start-ups verbinden sich mit gestandenen Industrieunternehmen. Die bringen Kapital und Erfahrung in die Branche. Der Autozulieferer Bosch etwa hat die Umwelttechnik zum neuen, zusätzlichen Standbein erklärt und sich mit immensen Ressourcen in entsprechende Firmen engagiert. Selbst Vertreter der Old Economy haben keinerlei Berührungsängste mit der Umweltszene. So treibt der urschwäbische Maschinenbauer Voith, ein Familienkonzern, der es auf stolze 140 Jahre bringt, vor Schottlands Küsten die Energiegewinnung aus Meereswellen voran.

Siemens, einer der großen deutschen Global Player und auch schon 160 Jahre alt, hat ebenso den Trend erkannt und bezeichnet sich neuerdings als „größter grüner Infrastrukturkonzern der Welt“. Unter dem Schlagwort „Complete Mobility“ sind die Münchner weltweit dabei, wenn es um Energieeffizienz geht. In Nordrhein-Westfalen läuft unter dem Titel „Ruhrpilot“ das größte europäische Verkehrsmanagementprojekt. In Metropolen wie Oslo oder Lissabon engagiert sich Siemens im öffentlichen Nahverkehr. Und dann gehört der Konzern zu dem Dutzend namhafter Firmen, die das visionäre Projekt „Desertec“ angestoßen haben.

Die Idee dahinter ist kühn: Die Sonne in der Sahara löst unsere Energieprobleme. In den Wüsten Nordafrikas soll CO2-freie Energie erzeugt werden, die einen erheblichen Anteil der Nachfrage der Erzeugerländer und 15 Prozent des Bedarfs von Europa deckt. Die Kosten des Projekts werden auf 400 Milliarden Euro geschätzt, der Baubeginn ist noch offen. Gewonnen werden soll die Energie in solarthermischen Kraftwerken. Bei dem Verfahren wird das Sonnenlicht mit Spiegeln gebündelt und erhitzt so ein Wärmeleitmedium in Röhren. Durch ein neues Leitungsnetz soll der Strom dann über 3000 Kilometer aus den nordafrikanischen Partnerländern nach Europa gebracht werden. Mit ihrem hohen Wirkungsgrad und den niedrigsten Stromentstehungskosten unter den Solartechnologien bieten solarthermische Kraftwerke das Potenzial, in Regionen um den Sonnengürtel der Erde schon mittelfristig Strom zu Kosten zu produzieren, die mit denen fossiler Kraftwerke vergleichbar sind. Im Oktober soll die Planungsgesellschaft gegründet werden. „Das ökologische wie auch das wirtschaftliche Potenzial ist enorm“, sagt Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Münchener Rück, einer der Treiber des Projekts.

Die dazu nötige Technik ist – wenngleich noch in bescheidenem Maßstab – in Jülich nahe Aachen bereits zu besichtigen. Dort wurde im August ein einmaliges Sonnenkraftwerk in Betrieb genommen: 2500 Spiegel leiten das Sonnenlicht auf die Spitze eines 50 Meter hohen Turms. Dort wird die Sonnenenergie in Strom verwandelt. „Ein Tor zur Zukunft der regenerativen Energien“, sagt Umweltminister Sigmar Gabriel. 1,5 Megawatt Solarstrom soll die 22 Millionen Euro teure Anlage pro Jahr ins Netz einspeisen. Das reicht für die Versorgung von 350 Haushalten.

Die Suche nach erneuerbaren Energien bleibt eine der großen Herausforderungen der Zeit. Geforscht und entwickelt wird in alle Richtungen, zumeist unter Beteiligung der großen Energiekonzerne. So auch beim ersten deutschen Hochseewindpark „Alpha Ventus“ 45 Kilometer nördlich der Nordseeinsel Borkum. In den nächsten Jahren sollen vor Nord- und Ostsee Anlagen mit bis zu 40000 Megawatt Leistung entstehen. Die versorgen dann acht Millionen Haushalte mit Strom.

Sonne, Wind, Wasser werden bereits zur Energieversorgung genutzt. Die Wärme im Inneren der Erde bietet sich ebenfalls an. Geothermie heißt diese vielversprechende Technik. Die Bundesregierung hat dazu ein Förderprogramm in Höhe von 400 Millionen Euro aufgelegt. 2008 hat sich die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich verdoppelt – von rund 4500 auf 9100. Nahe Hannover entsteht gerade ein Geothermiekraftwerk, in dem Wärme aus dem Inneren der Erde nach oben geholt wird. Ein bestechender Gedanke, da die Energiequelle unerschöpflich und die Wärme im Gegensatz zu Sonne und Wind jederzeit verfügbar ist.

Im Juni 2009 hat das Pilotprojekt „GeneSys“ mit den ersten Bohrungen begonnen, in vier Jahren soll das Kraftwerk zwei Megawatt Heizenergie aus dem Erdreich fördern. Vier Kilometer graben sich die Bohrer in die Tiefe, um auf Wärme zu stoßen. Mit jedem Kilometer steigt die Temperatur im Erdinneren um rund 30 Grad. Wie aber wird daraus Energie? Das Geothermiekraftwerk pumpt Wasser in die Tiefe. Das erhitzt sich durch die Erdwärme auf rund 150 Grad und wird daraufhin wieder nach oben geleitet, wo es Gebäude heizt. 15 Millionen Euro Brennstoffkosten will das Projekt einsparen. Läuft alles glatt bei dem Experiment, „haben wir ein Modell für weite Flächen Europas gewonnen“, sagt Projektleiter Michael Kosinowski.

Was auch immer an grüner Technik in deutschen Konzernen geforscht und getestet wird, stets ist der Weltmarkt im Visier. Denn es gehört wenig Mut dazu, der Umweltbranche global prächtige Chancen zu prognostizieren. Die Hinweise dafür sind eindeutig: Die Weltbevölkerung wächst beständig, die Ressourcen aber sind endlich. Im Jahr 2030 leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Metropolen, die gewaltige ökologische Herausforderungen zu meistern haben. Wenn die Schwellenländer die Industrialisierung nachholen, der globale Wohlstand wächst, steigt zwangsläufig die Nachfrage nach sauberer Energie und umweltverträglicher Mobilität, der Klimaschutz gewinnt noch höheren Stellenwert.

Mit Präsident Barack Obama setzen auch die Vereinigten Staaten von Amerika massiv auf grüne Energie: 25 Prozent des Stroms sollen bis 2025 aus erneuerbaren Energiequellen kommen – glänzende Absatzchancen für Solarzellen und Windräder „made in Germany“. Die Effizienz solcher Anlagen steigt beständig, damit sinken die Kosten dramatisch – und sind eines nicht allzu fernen Tages konkurrenzfähig. „Sobald erneuerbare mit herkömmlichen Energien preislich mithalten, wird die Nachfrage explodieren“, glaubt Torsten Henzelmann von Roland Berger.

Die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft kann den grünen Champions wenig anhaben. Im Gegenteil, manche profitieren sogar davon. Endlich finden sie leichter Ingenieure. Und noch wichtiger: Die Regierungen richten ihre Konjunkturpakete im Kampf gegen die Rezession nach ökologischen Kriterien aus. Praktisch kein Land, das nicht auch einen Topf für grüne Technologie aufstellt.

So investieren die USA etwa 112 Milliarden Dollar in Greentech: Die Verbesserung von Hybridautos und die Erforschung von Hochleistungsbatterien stehen dabei im Fokus. China gibt knapp 20 Milliarden ­Dollar für grüne Technik aus. Europas ­Konjunkturpakete stellen sechs Milliarden Euro für erneuerbare Energien bereit. 3,5 Milliarden Euro fließen in die Energieinfrastruktur, 500 Millionen Euro in Offshore-Windkraftanlagen, sieben Milliarden Euro in die Energieeffizienz – für sparsamere Autos, Gebäude und Fabriken. Die Bundesregierung steckt von 2009 bis 2011 insgesamt 500 Millionen Euro in die Forschung im Bereich Elektromobilität. Das Ziel sind Schlüsseltechnologien für die ­Integration von Elektro- und Hybridfahrzeugen in bestehende Verkehrsnetze.

Das Potenzial für emissionsärmere Pkw-Technologie ist gewaltig, betont die Unternehmensberatung McKinsey. 325 Milliarden Euro könnten demnächst in dem Bereich umgesetzt werden. Die Berater prophezeien ein jährliches Wachstum von 30 Prozent. Hybridfahrzeuge, in denen ein Elektromotor den Verbrennungsmotor unterstützt, dürften demnach im Jahr 2020 einen Marktanteil zwischen 16 und 24 Prozent erreichen. Auch der Verbrennungsmotor wird stärker auf Effizienz getrimmt. Die Komponenten zur Verringerung des Verbrauchs schaffen ein Marktvolumen von 30 bis 35 Milliarden Euro. Schließlich werden Elektroautos und sogenannte Plug-in-Hybridfahrzeuge (die Batterie kann über das Stromnetz aufgeladen werden) ebenfalls eine bedeutende Rolle für die Autoindustrie spielen.

„Die Zukunft, das ist sicher, gehört emissionsfreien Elektroautos“, bestätigt Volkswagen-Chef Martin Winterkorn und schickt in Berlin, der Hauptstadt auch der E-Mobilität, den Golf Twin Drive ins Rennen. Mercedes testet dort mit RWE den Elektro-Smart und BMW mit Vattenfall den Mini E – mit einer Steckdose hinter dem sonnengelben Tankdeckel. Die Hersteller investieren massiv in die Batterietechnologie, obwohl es lange so aussah, als seien die Japaner ihnen enteilt. „Wenn es so weitergeht, hat Deutschland gute Chancen, auch beim Elektroauto zur Weltspitze aufzuschließen“, sagt nun Martin Winter, Professor für Materialwissenschaften.

Keine Frage also: Öko ist in. Öko schafft Jobs. Selbst Autokonzerne, die ihr Stammpersonal abbauen, suchen Elektroinge­nieure, die ihnen helfen, sich für die Zeit nach dem Verbrennungsmotor vorzubereiten. Für High Potentials sind die grünen Champions ein lohnendes Feld, sagt Berater Henzelmann: „Man kann schneller aufsteigen als in klassischen Ingenieurbranchen. Man kann mehr bewegen und schneller Verantwortung übernehmen.“

14.10.09
Quelle: magazin-deutschland.de
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