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Geschrieben von: magazin-deutschkand Samstag, den 07. November 2009 um 12:10 Uhr

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Nachhaltig bauen heißt das Gebot der Stunde: Neue Häuser sollen möglichst wenig Energie verbrauchen, wenig Kohlendioxid produzieren und idealerweise vollständig recyclebar sein. Und gut aussehen sollen sie auch. Gute Beispiele für Neues Bauen

Von Inken Herzig

Wie eine glitzernde Ozean­welle schiebt sich die Europäische Investitionsbank in Luxemburg ans Konrad-Adenauer-Ufer. Sicherlich wird zur Zeit keine Bank für ihre Leistungen zertifiziert. Hier aber wurde gerade das Gebäude ge­adelt – als gelungenes Beispiel für Nachhaltigkeit erhielt es als erstes auf dem europäischen Kontinent die Auszeichnung „sehr gut“ des britischen BREEAM-Zertifikats. Der Ökostandard bewertet die umweltrelevante Gesamtleistung eines Gebäudes, von der Planung über die Ausführung bis zur Nutzung. Den im Juni 2009 eröffneten Neubau überwölbt eine Halbtonne mit einem gläsernen Dach von 170 Metern Länge und 50 Metern Breite, die zugleich Klimapuffer und Wintergarten ist – ein ästhetischer Wurf von Architekt Christoph Ingenhoven und eine Ingenieurleistung von Werner Sobek. Das Duo hatte zuvor schon weltweit Aufsehen mit dem spektakulären „Lufthansa Aviation Centre“ in Frankfurt am Main erregt, das nur ein Drittel der Energie eines herkömmlichen Bürogebäudes braucht.

Christoph Ingenhoven ist Spezialist für die Nutzung regenerativer Energien und Ressourcen wie Erdwärme und Regenwasser; der Deutsche zählt zu den führenden Architekten, die sich für nachhaltige und ökologisch orientierte Architektur einsetzen. Seine Bauprojekte richtet er grundsätzlich an internationalen Ökostandards aus. Werner Sobek ist Experte für technisch hoch entwickelte Fassadensysteme. Der Bauingenieur und Architekt, nebenbei Mies van der Rohe-Professor am Illinois Institute of Technology in Chicago, arbeitet auch mit internationalen Stararchitekten wie Zaha Hadid, Norman Foster oder Helmut Jahn zusammen an Großprojekten weltweit. Zu einem seiner wegweisendsten Bauwerke aber gehört sein privates Wohnhaus in Stuttgart. Der elegante Kubus aus Glas und Stahl zeigt wie kein anderes Gebäude, wie modern ökologisches Bauen wirken kann: Es ist nach dem Triple-Zero-Standard gebaut, den Werner Sobek entwickelt hat. Das Prinzip „dreimal Null“ definiert, welche Anforderungen ein Gebäude erfüllen muss, um nachhaltigen Ansprüchen gerecht zu werden: Werner Sobeks Haus benötigt keine Energie. Es produziert keine CO2-Emissionen – wofür die zweite Null steht – und hinterlässt bei Umbau oder Abbau keinen Abfall – das besagt die dritte Null. Das heißt: Alle Bauteile können, sollte eines Tages niemand das Haus mehr bewohnen wollen, vollständig recycelt werden.

Am Ziel „Triple Zero“ orientiert sich auch das im Januar 2009 erstmals vergebene deutsche „Gütesiegel Nachhaltiges Bauen“. Entwickelt wurde es von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), deren Präsident Werner Sobek ist, gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Die DGNB zertifiziert mit dem neuen Siegel Gebäude, die umweltfreundlich, ressourcensparend, wirtschaftlich effizient und für den Nutzerkomfort optimiert erbaut wurden, kurz: Alle Aspekte des Bauens richtet das DGNB-Zertifikat am Maßstab der Nachhaltigkeit aus. Die Nachfrage nach dem deutschen Gütesiegel, das im internationalen Vergleich als besonders aussagekräftig und qualitätvoll gilt, boomt schon jetzt: Aktuell befinden sich rund 40 Gebäude im Zertifizierungsprozess. Auch international gibt es erstes Interesse, die deutsche Zertifizierungsmethode zu übernehmen oder Gebäude nach diesem Standard auszeichnen zu lassen.

Nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Jones Lang LaSalle wollen künftig mehr als 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland bei der Suche nach Büros oder Gebäuden verstärkt auf den Klimaschutz achten. Die Quote wird noch weiter wachsen, denn Ökoimmobilien sind für Bauträger nicht nur besser zu vermarkten, sondern stehen als Visitenkarte für das Unternehmen – für ein gutes Gewissen in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. Sicher auch ein Grund für die Deutsche Bank in Frankfurt, ihre glitzernden Hochhaustürme derzeit nachträglich mit viel Umbauaufwand für eine neue Fassade in „Green Towers“ zu verwandeln.

Allerdings spielen auch die Finanzen eine Rolle: Betrachtet man die anfallenden Kos­ten über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes, entfallen nur rund 20 Prozent auf die Errichtung und 80 Prozent auf die spätere Bewirtschaftung. Bei steigenden Energiepreisen ist es daher nicht nur ökologisch vernünftig, eine möglichst große Energieeffizienz anzustreben. „Das Thema Nachhaltigkeit ist eine öffentliche ­Angelegenheit, eine ,res publica‘“, sagt Werner Sobek. „Wir kommen mit hoher Geschwindigkeit voran, weil das Interesse am Markt sehr groß ist“, ergänzt Chris­tian Donath, Geschäftsführer der DGNB, und verweist auf die vielen Anfragen nach dem jungen Gütesiegel. In der Stuttgarter Geschäftsstelle sind mittlerweile zwölf Mitarbeiter tätig, rund 600 Organisationen rund um Bauen und Wohnen werden heute von der DGNB vertreten.

Im Kleinen anfangen, wovon im Großen gesprochen wird – das wollte eine Berliner Architektengruppe, die in den Medien durch die Zusammenarbeit mit US-Schauspieler Brad Pitt bekannt wurde: Graft Architekten. Sie planen derzeit in Kuala Lumpur, Malaysia, einen Wohnpavillon mit dem Titel „0 Energy House“. Ihr Ziel ist es, dem anspruchsvollen Kosmopoliten Wohnkomfort ohne Energieverbrauch zu bieten. Ein fast 1500 Quadratmeter großer Wohnpavillon soll sich als dynamische Struktur in die Landschaft einfügen. Der Wohnbereich befindet sich im Kern des Gebäudes und bietet in der feuchtheißen Klimaregion einen kühlen Innenraum. Insgesamt werden alle verwendeten Baustoffe aus erneuerbaren oder recycelten Materialien bestehen.

Dass gerade die junge Architektengeneration „grün“ denkt, ist kein Zufall. „Die grüne Bewegung ist keine vorübergehende Erscheinung. Sie ist eine Notwendigkeit, um den Lebensstandard und die Lebensqualität für alle Menschen zu verbessern und anzugleichen. Dafür macht es Sinn sich einzusetzen“, ist Stefan Behnisch überzeugt. Der Architekt, der in die Fußstapfen seines Vaters Günter Behnisch trat, der als Baumeister des Münchener Olympiageländes berühmt wurde, befasste sich schon früh mit dem Thema Nachhaltigkeit. „Ich bin mit dem Bewusstsein groß geworden, dass unsere Umwelt eine wichtige und knappe Ressource ist. Auch im Elternhaus war das immer ein Thema.“ Stefan Behnisch wurde schon mehrfach für seine nachhaltigen Architekturprojekte ausgezeichnet. Schon 2002 erhielt der Stuttgarter Architekt in Paris den Preis für umweltfreundliches Bauen. Die Jury unter Vorsitz von Jean Nouvel ehrte ihn für zwei stark ökologisch orientierte Projekte: für das Institut für Forst- und Naturwissenschaft in Wageningen in den Niederlanden und für den Bürobau für die LVA Schleswig-Holstein in Lübeck. Zu Behnischs neusten Arbeiten gehören die 2009 eröffnete Firmenzentrale für Unilever Deutschland in der Hamburger Hafen­City. Das Gebäude für 1200 Angestellte erfüllt höchste ökologische Anforderungen. Es ist das weltweit größte Gebäude, in dem es ausschließlich energieeffiziente LED-Beleuchtung gibt. Auch Deutschlands größter Museumsneubau ist ein Werk von Stefan Behnisch: das spektakuläre „Ozeaneum“ in Stralsund. In der Form von vier Eiszeitfindlingen ge­plant, erzählt es die Geschichte der Meere. Selbstverständlich ist auch dieses Haus nachhaltig geplant – und zugleich architektonisch aufregend.

Dass ökologisches Denken eine ästhetische Gestaltung nicht ausschließt, beweisen die Architekten weltweit nicht nur mit Museen, sondern mit wahren Wohnskulpturen. Zu dieser Kategorie kann man das Wall House des deutsch-chilenischen Architektenduos FAR zählen. Marc Frohn und Mario Rojas Toledo waren von einem Chilenen beauftragt worden, ein Einfamilienhaus zu entwerfen. Die beiden jungen Architekten entwickelten mit ihrem „Wallhouse“ ein Wohnzelt, dessen Wände wie Kleidungsschichten funktionieren – im Zwiebelprinzip. Jede Schicht hat ihre eigenen klimatischen, atmosphärischen und materiellen Eigenheiten, die die Bewohner wie ein Wolkenspiel aus sinnlichen Eindrücken und Stimmungen erfahren.

Auch US-Stararchitekt Daniel Libeskind arbeitet in einem neuen Projekt nachhaltig. Den Mann, der das Jüdische Museum in Berlin und den Masterplan für Ground Zero plante, sieht man derzeit im nord­rhein-westfälischen Datteln. Dort entsteht bei dem Unternehmen Rheinzink die „Libeskind-Villa“, eine Wohnskulptur aus nachhaltigen Materialien. Das Gebäude verfügt zudem über eine Solarthermie-­Anlage im Dach, eine Erdwärmeanlage in Kombination mit einer Wärmepumpe und eine Regenwassernutzungsanlage, die hilft, wertvolles Trinkwasser zu sparen. Die Villa wird zuerst als Empfangsgebäude des Unternehmens fungieren und soll später weltweit von der Berliner proportion GmbH vermarktet werden.

Bei allem Enthusiasmus für ökologisches Bauen werden unter den Architekten aber auch die ersten Kritiken an dem Begriff Nachhaltigkeit laut. „Nachhaltigkeit ist in aller Munde und wird vielfach auch missbraucht“, sagt Architekt Matthias Sauerbruch, Mitinhaber des renommierten Berliner Architektenbüros Sauerbruch und Hutton. Jüngst erregten Sauerbruch und seine Partnerin Louisa Hutton Auf­sehen mit dem Bau des Museums Brandhorst in München. Hier erinnert die Fassade aus Tausenden bunter Keramikstäben nicht nur an ein überdimensionales abstraktes Gemälde, im Inneren des Gebäudes sorgt sie mit einer komplexen Klimatechnologie für ideale Raumtemperaturen. Das ­Gebäude nutzt Wärmeenergie des Grundwassers mithilfe einer speziellen Wärmepumpentechnik. Rund 50 Prozent der thermischen Energie sollen so gegenüber konventionellen Klimaanlagen eingespart werden. Die Kriterien für nachhaltiges Bauen standen beim Museum Brandhorst im Vordergrund, aber auch die Wahr­haftigkeit. „Bei aller ,ecological correctness‘ stellt sich in vielen Fällen die Frage, wie nachhaltig Nachhaltigkeit eigentlich ist“, gibt Matthias Sauerbruch zu bedenken. Für ihn bedeute nachhaltige Architektur, „wenn weniger mehr ist. Häuser müssen schön und gut gebaut sein, damit sie auch Generationen später noch geliebt werden.“

Davon ist auch Christoph Ingenhoven überzeugt. Über den energetischen und ästhetischen Anspruch hinaus besteht für den weltweit erfolgreichen Architekten eine zentrale Anforderung an Gebäude, die nachhaltig sind: „Wir sollten uns auf Häuser konzentrieren, die wirklich gebraucht werden. Zurzeit wird vieles aus Imagegründen gebaut, und diese Gebäude sind schnell wieder abgerissen. Vor der Frage des grünen Bauens sollte deshalb eine weitere Frage stehen: Ist die Entscheidung zu bauen, überhaupt richtig?“

14.09.09
Quelle: magazin-deutschland.de
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