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Geschrieben von: magazin-deutschkand Samstag, den 07. November 2009 um 12:13 Uhr

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Prof. Dr. Martin Jänicke ist einer der profundesten Kenner der deutschen und internationalen Umweltpolitik. Seit 1974 ist er auch als Politikberater tätig

Interview: Martin Orth

1. Herr Professor Jänicke, Sie reisen derzeit durchs Ausland, um die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der deutschen Klimapolitik zu erklären. Welchen Anteil hat denn die Politik an dem Erfolg?

Im Umweltschutz, aber auch im Klimaschutz hat Marktversagen immer eine große Rolle gespielt. Die Politik hat dem entgegenwirken müssen. Im Klimaschutz dramatisiert sich dies nun noch. Es geht dort nicht nur um einen gewaltigen Innovationsprozess hin zu klimafreundlichen Technologien. Es geht zusätzlich darum, diesen technischen Wandel zu beschleunigen. Und es geht um globale Wirkungen dieses Wandels. Das können Märkte allein nicht leisten. Hier sind der Staat und die Staatengemeinschaft gefordert. Deutschland hat in dieser Hinsicht nach 1990 und vor allem nach 1998 eine Pionierrolle eingenommen. Hier wurde frühzeitig und parteiübergreifend eine auf technische ­Innovation angelegte Klimapolitik betrieben. Das zahlt sich heute aus.

2. Experten sprechen von einer „dritten industriellen Revolution“. Wie tiefgreifend ist der Wandel?

Der Begriff ist der Dramatik des anstehenden Wandels durchaus angemessen. Wir stehen heute am Ende des wirtschaftlichen Erfolgsmodells des 20. Jahrhunderts. Die industrielle Massenproduktion auf der Basis billiger Rohstoffe ist in der Krise. Dieses Modell eines ressourcenintensiven Industrialismus hat unser Leben in fast jeder Hinsicht bestimmt, vom Energiesystem über die Verkehrsstrukturen bis hin zur Weltarbeitsteilung. Auch die ständige Ersetzung von Arbeit durch billige Energie gehörte zu diesem Modell. Das alles steht vor dem Umbruch hin zu einer wissensintensiven Produktionsweise, die den Ressourcenverbrauch – Material, Energie, Wasser, Boden – einer Effizienzrevolution unterwirft.

3. Welche Schlüsseltechnologien stehen dahinter?

Der dramatischste Wandel vollzieht sich sicher im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Die höchsten Wachstumsraten hatte bis zum letzten Jahr die Photovoltaik, die meiner Meinung nach auch die wichtigste unter den erneuerbaren Energien ist. Technologien, die mit Energien effizienter umgehen, wachsen nicht ganz so schnell, haben aber ein breites Spektrum und ganz sicher eine wachsende Bedeutung. Die Möglichkeiten reichen vom sparsamen Elektromotor über Plusenergiehäuser bis zur Bio-Kata­lyse in der Chemie. Eine unterschätzte, aber ungemein wichtige Form der Energieeinsparung bieten Technologien, die die Materialnutzung reduzieren. Das betrifft die erfolgreichen deutschen Technologien zur Abfalltrennung ebenso wie etwa Verfahren zur Wiederverwertung von Baustoffen.

4. Bei großen Vorhaben wie dem Projekt „Desertec“ sind Unternehmen beteiligt, die man in diesem Kreis nicht erwartet hätte. Entstehen im Zuge des Wandels ganz andere Unternehmen?

Das Projekt wird seit den siebziger Jahren diskutiert. Erst der Klimawandel und die Entwicklung der Energiepreise haben ihm zum Durchbruch verholfen. Es ist ein Symptom einer Energiewende, um die es geht. Dass hartnäckige Gegner dieser Energiewende nunmehr dabei sind, kennzeichnet den Wandel ebenso wie das Auftauchen von ganz neuen Akteuren wie der Münchener Rück.

5. Die Meinungen zu „Desertec“ gehen auseinander. Erfordern große Herausforderungen ungewöhnliche Maßnahmen?

Ich bin kein besonderer Freund zentralisierter Großprojekte. Es kann aber kein Zweifel bestehen, dass die produktive Nutzung der Wüsten dieser Welt Win-win-­Potenziale hat, die weit über die Energiegewinnung hinausgehen. Die Beteiligung der örtlichen Bevölkerungen wird hierbei eine kritische Größe sein.

6. Wie ist Deutschland bei grünen Technologien international positioniert? Wo liegen die Stärken im Vergleich zu anderen Industrienationen?

Deutschland hat in diesem Bereich ziemlich eindeutig eine Führungsposition inne. Das gilt für den Anteil am Weltmarkt der Umwelttechnik. Das gilt für entsprechende Patente. Das gilt nicht zuletzt für die wirtschaftliche Bedeutung, die die Umweltindustrie im Lande hat. Wie immer man diesen heterogenen Sektor definiert, er ist in Deutschland größer als in anderen EU-Ländern und in der EU wichtiger als in anderen Weltregionen, wobei China und die USA stark aufholen. Roland Berger hat der Umweltindustrie für 2007 einen Anteil von 8 Prozent am deutschen BIP bescheinigt und für 2020 14 Prozent prognostiziert.

7. Woher kommt diese Dynamik?

Die heutige Umweltindustrie besteht nicht mehr vorrangig aus Anbietern von Filtern und Reinigungsanlagen. Diese „End of ­pipe“-Technik war teuer und hat letztlich die Produktivität gesenkt. Die moderne Umweltindustrie besteht aus Anbietern ökoeffizienter Verfahren, Produkte und Dienstleistungen, die letztlich die Produktivität erhöhen. Zu dem hohen Wachstum der modernen Umweltindustrie kommt also noch ein volkswirtschaftlicher Nutzen hinzu. Das war die Kernidee der „ökologischen Modernisierung“, die in Deutschland in den 1980er-Jahren entwickelt wurde und heute vor allem in China vertreten wird.

8. Wie sind die Reaktionen auf Ihren Reisen? Färbt der Wandel auf das Deutschland-Bild im Ausland ab?

Vor zehn Jahren erlebte man in Ländern wie USA, Frankreich oder Japan oft Reaktionen vom Typus „Die spinnen, die Deutschen“. Das ist heute völlig anders. Inzwischen ist deutlich geworden, dass Öko-­Effizienz – also die umweltfreundliche Steigerung der Ressourcenproduktivität – erhebliche wirtschaftliche Erfolge hervorbringen kann. Vermutlich ist sie die wichtigste Dimension des internationalen Innovationswettbewerbs geworden. Und auf diesen Wettbewerb stellen sich immer mehr Länder ein, allen voran China und die USA. Deutschland gilt hier als Musterbeispiel. „Lesson drawing“ ist das Ziel vieler Besuchergruppen.

9. Bei allem Erfolg: Sind die ambitionierten Klimaziele wirklich erreichbar?

Die schlechte Nachricht ist: Der Klimawandel ist erheblich gefährlicher, als selbst der Weltklimarat (IPCC) errechnet hat. Eigentlich zweifelt kein Experte mehr daran, dass die Klimaziele weiter verschärft werden müssen. Die gute Nachricht ist, dass die benötigten Technologien und ihre Potenziale zur Problemlösung ebenfalls unterschätzt wurden. Hinzu kommt eine Erfahrung, die vor allem Deutschland nach 1998 gemacht hat: Anspruchsvolle Klimaziele stimulieren technischen Fortschritt und können Erfolge auf neuen Zukunftsmärkten bewirken. Das wissen wir mittlerweile. Das Kyoto-Ziel wurde in Deutschland bereits 2007 überschritten und das Ziel für grünen Strom wurde zwei Mal angehoben. Neu ist das, was man den „Akzelerationseffekt“ einer solchen Politik nennen kann: Die Innovationseffekte einer anspruchsvollen Klimapolitik erweitern den politischen Handlungsspielraum. Wo bisher nur die maßvolle Energieeinsparung in Gebäuden das Thema war, geht es nun um Passivhäuser oder gar um Plusenergiehäuser, die auch das Elektroauto versorgen können. Dies Tempo des technischen Fortschritts rechtfertigt also anspruchsvollere Klimaziele – auch aus ökonomischen Gründen.

10. Das klingt sehr optimistisch, Herr Professor Jänicke . . .

Ich rede nur über das halb volle Glas, also nicht über unsere Kohlekraftwerke oder die Fehler der deutschen Autoindustrie, die uns Zehntausende von Arbeitsplätzen kosten. Das betrifft die andere Hälfte des Glases und die Klimafolgen auch unseres Fehlverhaltens. Ich meine jedoch, dass der deutsche Hang zum Selbstmitleid uns nicht hindern sollte, unsere Erfolgspfade zu erkennen, auf ihnen voranzuschreiten und positive Erfahrungen weiterzugeben.

07.09.09
Quelle: magazin-deutschland.de
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