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Geschrieben von: stern-online Samstag, den 07. November 2009 um 13:39 Uhr

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nordpol-3Foto:Das Ewige Eis ist alles andere als ewig: Neue Studien zeigen, wie wechselhaft die Geschichte der Arktis ist.

Können die Liegestühle bald in Grönland aufgeklappt werden?

Pflanzenfunde in der Arktis belegen, dass dort vor Millionen Jahren ein warmes, feuchtes Klima herrschte. Die gängigen Computermodelle aber versagen, wenn sie diese Verhältnisse rekonstruieren sollen. Und das ist nur ihr jüngster Flop. Von Frank Ochmann

Palmenpollen wurden in der Arktis entdeckt. Können wir die Liegestühle also bald an Grönlands Küste schieben oder auf Spitzbergen schwitzen, während der Wind durch Palmenhaine weht? Glaubt man den lautesten Klimawarnern, dürfte es bis dahin gar nicht mehr so lange dauern. Vorerst allerdings liegt die geografische Sommer-Sonne-Räkel-Zone noch etliche Breitengrade südlich der Heimat von Eisbären und Walrossen.

 

Was Wissenschaftler aus den Niederlanden und Deutschland in Bohrproben aus dem Jahr 2004 an spektakulären Pflanzenresten entdeckt haben, stammt aus einer Warmzeit, die vor rund 53 Millionen Jahren – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – tropische Verhältnisse in die Arktis brachte. Pollen von Pinien, Eichen, Haselnussbäumen und eben auch Palmen fanden die Forscher im Meeresboden, nur fünf Breitengrade südlich des geographischen Nordpols in Ablagerungen des Lomonossow-Rückens. Ungefähr an derselben Stelle und nicht etwa am Äquator lag dieser heute ozeanische Gebirgszug auch schon damals. Bislang waren Palmen nur bis zu einer nördlichen Breite von 60 Grad nachgewiesen worden. Das entspricht der Südspitze Grönlands oder der Lage der norwegischen Stadt Bergen. Das jetzt untersuchte frühere Palmengebiet liegt dagegen sogar noch ein ganzes Stück nördlich von Grönland.
Nicht kälter als acht Grad Celsius
Was aber vielleicht noch bemerkenswerter ist, sind die Schlussfolgerungen, die aus diesem überraschenden Fund gezogen werden können. Selbst in den kältesten Monaten, so die Autoren der Studie um den Paläo-Ökologen Appy Sluijs von der Universität Utrecht, kann nämlich die Durchschnittstemperatur in der vermeintlich ewigen Eisregion acht Grad Celsius nicht unterschritten haben. Anderenfalls hätte nicht lange überlebt, was dort oben offenbar blühte und gedieh und sich schließlich als Sediment ansammelte. Und es war sicher nicht nur eine Palme, die sich in den hohen Norden verirrt hatte. Bis zu vier Prozent der jetzt in verschiedenen Proben entdeckten Pollen stammen von Palmen, die demnach ein verbreiteter Teil nordischer Flora gewesen sein müssen.
Besonders spannend ist der nächste Schritt. Was sagen denn gängige Klimamodelle über diese Zeit? Mit aufwendigen Computersimulationen blicken Forscher bekanntlich weltweit in unsere atmosphärische Zukunft. Im Prinzip ist das so wie bei den Wettervorhersagen. Doch gehen die Prognosen der Klimaforscher weit darüber hinaus. Und so beschreiben sie nicht nur, ob es übermorgen in Hamburg regnet oder in München der Fön bläst, sondern sie nehmen sich das globale Geschehen in der Atmosphäre vor, um Vorhersagen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu gewinnen. Weil diese die Grundlage für praktisch alle klimapolitischen Entscheidungen sind, ist die Genauigkeit der Computermodelle ein Knackpunkt der Klimaforschung.
Die atmosphärische Entwicklung hängt von vielen untereinander oft wieder verknüpften Variablen ab. Von der Landverteilung zum Beispiel und auch vom Kohlendioxidgehalt der Luft darüber. Denn Kohlendioxid - das weiß inzwischen jedes Kind - ist ein so genanntes Treibhausgas: Viel CO2 macht viel Wärme, zuviel CO2 macht zuviel Wärme. So die kinderleichte Regel. Aber wie viel ist zuviel? Das prognostizieren die Klimamodelle. Falls sie verlässlich sind, heißt das.
Da nun ein greifbarer und nicht nur errechenbarer Beleg für die arktischen Klimaverhältnisse und die ungefähre Temperatur vor rund 53 Millionen Jahren existiert, lässt sich testen, wie die Funde zu dem passen, was die Computer für die entsprechenden Bedingungen errechnen. Die dafür ebenfalls noch nötige Kohlendioxid-Konzentration kann für so weit entfernte Zeiträume auf etwas verschlungenem physikalisch-chemischem Weg zum Beispiel aus der Analyse von Plankton-Schalen bestimmt werden. So ungefähr jedenfalls.

Erschreckend viel Kohlendioxid war in der Luft
In unserem Fall herrschten demnach während des frühen Eozäns, wie diese erdgeschichtliche Periode heißt, Konzentrationen von mindestens 1000 ppm. Die Abkürzung steht für "parts per million" und bedeutet: Von einer Million Gasmolekülen in der Luft waren 1000 Kohlendioxid. Vielleicht auch doppelt so viele. Selbst das scheint zwar immer noch wenig, müsste uns aber vor Schreck sofort hochfahren lassen. Denn heute liegt die CO2-Konzentration bei vergleichsweise niedrigen 400 ppm. Und dennoch hören wir, dass uns solche Konzentrationen so gut wie unvermeidlich in den Klimakollaps führen werden. Vielleicht kühlt es ja zuvor erst auch noch ein paar Jahre lang ab, wie neulich vom Kieler Klimaforscher Mojib Latif vermutet. Der Pazifik scheint das auch schon vorzumachen. Aber spätestens danach kommt die Hitzewelle.
Im Eozän ging es offenbar trotzdem weiter auf der Erde, und der Planet wurde nicht zu einer Gluthölle wie die benachbarte Venus. Aber da gab es auch noch keine Menschen. Warum dann trotzdem so viel Kohlendioxid in der Luft war, ganz ohne Autos und Kohlekraftwerke, müssen wir an dieser Stelle den Spezialisten überlassen. Bislang haben sie noch auf alle Fragen eine passende Antwort gefunden.
Zurück zum Palmenstrand am Pol. Was also sagen die Computermodelle über die damaligen Temperaturen? Deutlich unter null müsste es im Winter gewesen sein, sagen sie. War es aber nicht. Was wir wegen der Palmen wissen. Im Mittel war es selbst im Winter mindestens acht Grad über null, also weit über den Modellergebnissen. Ist ja nun auch nicht so wichtig, denken Sie? Mal in einen anderen Zusammenhang gebracht: Wären die Prognosen für das Virus der Schweinegrippe und die jetzt zur Verfügung gestellten Impfstoffe von ähnlicher Güte, hätten wir wirklich allen Grund zur Panik.
Warum zweifeln wir dann aber nur an den Daten aus der Pharmaforschung? Wenn Al Gore oder Kofi Annan oder Greenpeace oder wer auch immer verkünden, die Debatte über den Klimawandel sei vorüber, wie sie es schon vor Jahren der Reihe nach getan haben, dann belegen sie damit nur, dass sie den Boden der Wissenschaft verlassen oder vielleicht auch nie betreten haben. Denn dessen unverzichtbarer Dünger ist der Zweifel. Alles andere ist Ideologie oder Religion.
Die zu erwartenden empörten Reaktionen auf solche Einwände kann man sich gleich selber schreiben: Da hängt sich wieder so ein - vermutlich von der Industrie gekaufter! - "Klimaskeptiker" an einem einzigen, ein bisschen verrutschten Mess-Ergebnis auf und leugnet dann böswillig gleich alles, was die Forschung in Jahren und Jahrzehnten hervorgebracht hat. Doch der Palmen-Flop ist nur der bislang letzte in einer langen Kette von falschen oder nicht fundierten Prognosen.
Als zum Beispiel Richard Ladle von der Universität Oxford vor einigen Jahren Klimamodelle mit Daten aus der Vergangenheit darauf testete, wie präzise sie die Folgen des Wandels für die Artenvielfalt beschreiben können, lag die Erfolgsquote bei der eines Münzwurfs. Würden die aus Computersimulationen gewonnenen Vorhersagen nicht bald verbessert, klagte Ladle 2005, fielen politische Entscheidungen über die Zukunft unseres Planeten auf der Grundlage von vagen, so gut wie geratenen wissenschaftlichen Empfehlungen.
Zumindest in dieser Hinsicht kann aber erst einmal Entwarnung gegeben werden: Nachdem nun durchsickerte, dass US-Präsident Barack Obama zwar am 10. Dezember den Friedensnobelpreis in Oslo abholen, den gleichzeitig im rund 400 Kilometer entfernten Kopenhagen tagenden Weltklimagipfel aber nicht besuchen will, sind von dort ohnehin keine erwähnenswerten Entscheidungen mehr zu erwarten.

aus Stern online vom 27.10.09
Literatur:

Aldous, P. 2009: How psychology can curb climate change, New Scientist 203 (Nr. 2722), 6-7
Araújo, M. B. et al 2005: Reducing uncertainty in projections of extinction risk from climate change, Global Ecology and Biogeography 14, 529-538
Dessai, S. et al. 2007: On uncertainty and climate change, Global Environmental Change 17, 1-3
Hudson, P. 2009: What happened to global warming?, BBC News vom 9.10. (online: http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/8299079.stm)
Lowenstein, T. K. & Demicco, R. V. 2006: Elevated Eocene Atmospheric CO2 and Its Subsequent Decline, Science 313, 1928
Pearson, P. N. & Palmer, M. R. 2000: Atmospheric carbon dioxide concentrations over the past 60 million years, Nature 406, 695-699
Shellito, C. J. et al. 2003: Climate model sensitivity to atmospheric CO2 levels in the Early-Middle Paleogene, Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 193, 113-123
Sluijs, A. et al. 2009: Warm and wet conditions in the Arctic region during Eocene Thermal Maximum 2, Nature Geoscience (im Druck, vorab online: DOI: 10.1038/NGEO668)

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