Diese Website empfehlen:

letzte Kommentare

RSS

Wer ist Online?

Wir haben 71 Gäste online
The next version of Ubuntu is coming soon
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Benutzerbewertung: / 0
SchwachPerfekt 

hh.speicherstad._11Megaprojekt Hafencity "Würfelhusten am Wasser", schlau auf dem Bau ist das nicht, was sich in Hamburgs Hafencity tut: So urteilt Star-Architekt Hadi Teherani über das größte innerstädtische Bauprojekt Europas. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über peinlichen Deko-Kitsch,neidische Kollegen und die Idee einer lebenden Elbbrücke.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Hafencity erschafft Hamburg einen ganzen Stadtteil aus der Retorte. Die große Frage ist: Wird das Kind leben? Was ist Ihre Diagnose, nachdem rund ein Drittel der Bauten steht?
Teherani: Sorgen mache ich mir keine, einige Orte werden wie Magnete wirken. Der Kreuzfahrtterminal von Massimiliano Fuksas spuckt Touristen aus und zieht sie zugleich an, besonders wenn ein Schiff wie die "Queen Mary 2" anlegt. Herzog & de Meurons Elbphilharmonie verspricht Weltklasse, ähnliches Niveau bieten Richard Meier, Erick van Egeraat, Henning Larsen mit den SPIEGEL-Hochhäusern - und nicht zuletzt Rem Koolhaas mit dem Science Center, meinem Lieblingsprojekt. Dann ist da die prächtige Speicherstadt. Diese Lagerhäuser aus dem 19. Jahrhundert faszinieren einfach. Ohne die Speicherstadt wäre die Hafencity peinlich, in ihren urbanen Grundmustern viel zu schrill.

SPIEGEL ONLINE: Peinlich? Ein hartes Wort.
Teherani: Hart, aber nicht unfair. Die Chance, ein so riesiges und citynahes Areal zu gestalten, ist ein Jahrhundertereignis. Aber die Häuser am Dalmannkai sind nicht typisch für den Standort: eng gestellte, architektonische Einzelmeinungen, das Material sehr bunt: Gelbklinker, Rotklinker, weißer Putz. Ein völlig unhamburgisches Sammelsurium.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn hamburgisch?
Teherani: Hamburg zeichnet anglophile Eleganz und Zurückhaltung aus. Es gibt Einzelstrukturen, etwa die weiße Stadt der Villen an der Alster, aber insgesamt entsteht durch die ziegelroten Baublöcke der Randbezirke eine dynamische Melodie. Doch in der Hafencity haben wir statt großem Wurf einen großen Würfelhusten am Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben dort mitgehustet, sprich: mitgebaut
Teherani: Kaum. Ich hebe architektonisch stets auf den Ort ab. Unsere Europazentrale von China-Shipping ähnelt fast einem Van-Carrier, spielt also mit Hafen- und Containermotiven. Und der rote Stahl korrespondiert mit dem roten Klinker der Speicherstadt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Hafencity eine verpasste Chance?

Teherani: Ja, zumindest gemessen daran, was der Ort an phantastischen Voraussetzungen mitbringt. Das ist aber gleichzeitig die Rettung für die Hafencity: Nur ein Idiot könnte dieses Flair komplett zerstören. Das wird glücklicherweise nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Also ist alles doch nur halb so schlimm.

Teherani: Meinen Sie? Vielen mag es genügen, wenn ein paar nette Shops entstehen. Aber ich spreche von Architektur und städtebaulichen Konzepten. Warum hat man - nur eine von vielen denkbaren Ideen - keine Wasserstadt gebaut? Keine Häuser, die direkt im Wasser stehen? Warum keine Brücken und Arkaden? Es gibt in Hamburg doch das Vorbild der Alsterarkaden! Die Nahtstelle zwischen Land und Wasser fordert intelligente architektonische Übergänge geradezu heraus, gebaute
SPIEGEL ONLINE: Damit kritisieren Sie die Planung, nicht die Einzelarchitektur. Was haben die Planer falsch gemacht?

Teherani: Die Projekte hätten großteiliger vergeben werden müssen. Der planerische Grundgedanke der Hafencity ist: Jeder Architekt baut sein kleines, individuelles Häuschen, und am Ende ergeben all die Häuschen ein Gesamtbild. Nach dem Vorbild New Yorks: Ein einziges Hochhaus ist banal, zehn auch - aber hundert bilden ein typisches Ensemble, im besten Fall ein Gesamtkunstwerk. Ich bezweifle nur, dass dieses Modell in Hamburg funktioniert. Schon allein die ausdrucksstarke Speicherstadt mit ihrer einzigartigen Handschrift steht dem als permanente Mahnung entgegen. Skurrile Bänke und Straßenlaternen stimmen mich auch nicht hoffnungsfroher. Urbanität ist nicht die Summe aus ein paar aufgesetzten formalen Ideen, sie basiert auf einem schlüssigen Städtebau.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom Design der öffentlichen Plätze.

Teherani: Ja, und das tue ich sehr ungern, denn ich schätze die Architektin Benedetta Tagliabue vom Büro EMBT Barcelona sehr. Aber ihre stilisierten Hafenkran-Leuchten und ihre steinernen Bänke, die Meereswellen nachempfunden sein sollen, wirken wie reiner Deko-Kitsch.

SPIEGEL ONLINE: Die Hafencity soll Touristen anziehen. Ist Deko-Kitsch nicht genau das Richtige für die Busladungen aus Wanne-Eickel?

Teherani: Mag sein, das passt natürlich zu anderen Angeboten, wie dem der Hamburger Musical-Industrie. Die Hafencity muss zudem darauf setzen, dass dort Leute von außerhalb hinziehen. Ein Alt-Hamburger wird da kaum wohnen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Teherani: Hamburgs Gesellschaft ist strikt segmentiert. Ich habe das selbst oft genug erlebt, denn ich bin hier aufgewachsen und war in verschiedenen Schulen, Stadtteilen und sozialen Schichten zuhause. In Hamburg respektiert man sich auf Distanz. Die gesellschaftlichen Grenzverläufe werden selten missachtet. Kölner sind da weniger konventionell, Berliner auch.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren trommeln Sie in Hamburg für ein eigenes Großprojekt, die Living Bridge; eine bewohnbare Brücke, die die Innenstadt mit dem derzeit isolierten Wohngebiet Veddel verbinden soll. Bei der Schärfe Ihrer Kritik vermutet man fast, Sie seien sauer, dass Sie damit nicht weiterkommen.

Teherani: Wer sagt das?

SPIEGEL ONLINE: Vorsichtig formuliert: Die Hamburger Politik zeigt wenig Enthusiasmus.

Teherani: In den Koalitionsvereinbarungen des schwarz-grünen Senats steht keineswegs, dass das Projekt tot ist. Im Gegenteil: Das Projekt Living Bridge ist quicklebendig - wie der Name sagt. Die lokale Presse ist auf meiner Seite, die Bevölkerung, Kollegen aus dem Ausland, auch Hamburgs Oberbaudirektor - nur die lokale Architektenriege zeigt ihre übliche Neid- und Trotzreaktion. Das war schon bei vielen unseren Bauten so, Weltbewegendes dürfen in Hamburg nur Ausländer bauen.

zurpersonSPIEGEL ONLINE: Was wäre so weltbewegend daran?

Teherani: Der für die Stadtentwicklung zur Metropole so entscheidende Sprung über die Elbe. Die besten Grundstücke liegen auf der anderen Elbseite. Hunderttausende warten darauf, fußläufig oder per Rad an die City angeschlossen zu werden - das Auto wird seine Stellung als Notnagel des Städtebaus ohnehin bald verlieren. Millionen Touristen und Hamburger könnten über die Brücke flanieren, die maritime Atmosphäre Hamburgs auf dem Wasser selbst erleben. Und als Brücke aller Brücken illustrierte sie das genuin hamburgische Leitthema am eindrucksvollsten, denn sie wäre bewohnt und belebt. Sie bliebe nicht reines Verkehrselement, sondern wäre selbst Stadt. Die Gegenargumente zählen nicht. Kritiker sagen: Wir wollen kein weiteres Highlight, das versperrt die Sicht auf die Elbbrücken. Wie absurd!

SPIEGEL ONLINE: Dennoch werben Sie jetzt in Duisburg, um dort Ihre Living Bridge über den Rhein zu bauen. Das wirkt ein bisschen beleidigt.

Teherani: Überall dort, wo ein Fluss ist und die urbane Situation es ermöglicht, kann eine Living Bridge sinnvoll sein. Das heißt nicht, dass solche belebten Brücken gleich aussehen und genutzt werden müssen, das war historisch ja auch nicht der Fall. Besonders dort, wo stadtnahe Hafenbereiche brachfallen und zu sogenannten Konversionsflächen werden, müssen die Städte neu zusammenwachsen. Gerade für Hamburg, das gerne herausstellt, es habe mehr Brücken als Venedig, ist der Gedanke einfach bestechend.

SPIEGEL ONLINE: Ein bisschen scheint es, als verzweifelten Sie an Ihrer Stadt.

Teherani: Nein, es macht Spaß, hier zu arbeiten und zu experimentieren. Man muss Hamburg nur hin und wieder wachrütteln und an seine Zukunft erinnern. Das tue ich, indem ich mir ungefragt Projekte wie die Living Bridge ausdenke und plane - auch wenn mich das sehr, sehr viel Geld kostet.

Das Interview führte Thorsten Dörting
Spiegel vom 18.06.09

Banner