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Geschrieben von: LN-Interview Montag, den 16. November 2009 um 00:00 Uhr

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georg_sewe_lnDänischburg -Georg Sewe im Interview:  Ikea will in Dänischburg 2012 ein neues Haus eröffnen – ganz Kücknitz setzt große Hoffnungen in die Ansiedelung auf dem Areal von Villeroy & Boch. Lesen Sie dau ein Interview mit dem Vorsitzenden des Gemeinützigen Vereines, Georg Sewe

Gebürtiger Kücknitzer mit einem Faible für Oldtimer

Lübecker Nachrichten: Haben Sie schon einmal bei Ikea eingekauft?
Georg Sewe: Ja, aber das ist schon sehr lange her – fast 20 Jahre.

LN: Sie können also auf Ikea in Dänischburg verzichten?
Sewe: Auf gar keinen Fall. Ganz Kücknitz freut sich auf die geplante Ansiedelung. Ikea ist für uns ein Hoffnungsträger. Der Niedergang der Industrie hat uns im Stadtteil schwer getroffen. Mit dem Aus von Villeroy & Boch gehen weitere 200 Arbeitsplätze verloren. Wer mit den Menschen dort spricht, weiß, wie groß die Verzweiflung ist.

LN: Aber wer bei Villeroy & Boch gearbeitet hat, ist doch nicht unbedingt bei Ikea einsetzbar?
Sewe: Stimmt. Doch es ist ein Zeichen dafür, dass etwas Neues entsteht und nicht nur Arbeitsplätze abgebaut, sondern auch mehr als doppelt soviele Arbeitsplätze geschaffen werden – wenn auch erst im Herbst 2012.

LN: Die Kücknitzer befürworten die Ansiedelung, doch die Kaufleute in der Innenstadt sind dagegen. Haben Sie dafür Verständnis?
Sewe: Ich habe dafür Verständnis, dass die Gewerbetreibenden in der City Bedenken haben. Ich habe aber kein Verständnis dafür, dass sie die Ansiedelung kategorisch ablehnen. Der Aufstand bei der Citti-Park-Planung war riesengroß, doch geschadet hat es den Geschäften in der Innenstadt nicht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Das zusätzliche Angebot hat die Geschäftsleute in der Stadt zu mehr Kreativität getrieben. Ikea ist also auch eine Chance, neue Ideen für die Innenstadt zu entwickeln.

LN: Glauben Sie denn, dass die Politik grünes Licht geben wird für Ikea?
Sewe: Ich weiß es nicht, aber ich hoffe sehr, dass der Wille der Bevölkerung von der Politik gehört wird und sich gegen die Arbeit der Lobbyisten durchsetzt.

LN: Sollte Ikea eröffnen, würde sich aber auch die Verkehrsbelastung im Stadtteil deutlich erhöhen.
Sewe: Das dürfte kein Problem sein. Die Anbindung an die Autobahn ist ideal, und die Mehrbelastung dürfte sich in Grenzen halten.

LN: Was passiert, wenn das Möbelhaus nicht kommt?
Sewe: Dann fühlen sich die Kücknitzer restlos vergessen. Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass sie dann wegziehen wollen.

LN: Ist es so schlimm, in Kücknitz zu leben?
Sewe: Das natürlich nicht. Es geht viel mehr um die Enttäuschung, die wir immer wieder erleben müssen. Die Politik hat sich beim Niedergang der Großindustrie sowie bei der Herrentunnel-Maut keine Freunde in den Stadtteilen nördlich der Trave gemacht. Keiner will Verantwortung übernehmen oder auch Fehlentscheidungen eingestehen – es wird einfach abgetaucht.

LN: Und was würde die Ikea-Ansiedlung bewirken?
Sewe: Die Arbeitsplätze sind nur ein Aspekt. Die ganze Stimmung im Stadtteil würde sich verändern. Ikea in Dänischburg würde bedeuten, dass sich mehr Menschen und auch kleine Firmen und Betriebe in Kücknitz niederlassen. Ich gehe davon aus, dass von Ikea eine Art Sogwirkung ausgeht.

LN: Damit würde Kücknitz auch ein neues Gesicht bekommen – vom einstigen „Malocher“- zum Dienstleister-Stadtteil?
Sewe: Daran führt ohnehin kein Weg vorbei. Die Zeiten haben sich geändert, und der Strukturwandel in Kücknitz ist längst eingeleitet.

LN: Woran merkt man das?
Sewe: Es ist in den vergangenen Jahren viel kaputt gegangen, aber es ist auch viel Neues passiert. Das Problem ist nur, dass die negativen Aspekte wie die ständige Maut-Debatte stärker in die Öffentlichkeit getragen werden. Mit den neuen Hafenanlagen, dem Innovationszentrum und den vielen Neubauten im Stadtteil ist viel passiert. Die „Trave“ investiert zudem stark in die Siedlung Roter Hahn und schafft so auch Wohnraum für eine neue Klientel.

LN: Aber die Herrentunnel-Maut, die wird es doch auch auf lange Sicht weitergeben und Neubürger abschrecken.
Sewe: Die Maut-Debatte wird so lange bleiben, wie es die Maut gibt. Die Schmerzgrenze für uns Kücknitzer und die Menschen in Travemünde ist längst erreicht. Diese finanzielle Belastung ist unerträglich.

LN: Und was machen Sie dagegen?
Sewe: Wir haben unsere eigene Lösung gefunden und umfahren den Tunnel immer häufiger. Damit wir schneller in die Stadt kommen, fordern wir zudem, die Nordtangente vierspurig auszubauen.

LN: Welche Argumente sprechen überhaupt dafür, nach Kücknitz zu ziehen?
Sewe: Hier gibt es bezahlbaren Wohnraum und Bauplätze. Kücknitz hat eine hervorragende Infrastruktur, eine gute Anbindung an die öffentliche Verkehrsanbindung, eine eigene Bahnstation. Alle Schulen bis zum Gymnasium sind vorhanden. Zudem gibt es sehr gute Freizeitmöglichkeiten in den Sportvereinen, und der Stadtteil verfügt mit dem Mühlbachtal und dem Dummersdorfer Ufer über zwei großartige Naherholungsgebiete. Wenn dann endlich noch die Borndiekbrücke kommt, ist die Verbindung nach Travemünde perfekt.

LN: Wie sieht Kücknitz im Jahre 2020 aus?
Sewe: Ein moderner Stadtteil, der den Wegfall der Großindustrie endlich verkraftet hat. Die Arbeitslosigkeit ist auf Bundesdurchschnitt abgesackt und das Thema Herrentunnel-Maut hat sich endlich erledigt – die Maut ist weg.

Interview: Sebastian Prey
ln-online/lokales vom 16.11.2009 08:18
Das heimische Büro von Georg Sewe liegt etwas abgeschieden im Ortsteil Dummersdorf. Foto: Maxwitat

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