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Geschrieben von: LN Beitrag Donnerstag, den 15. Januar 2009 um 00:00 Uhr

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0015.wuestenei- diskutieren Sie mit! Lübeck – Mit einem riesigen, neuen Gewerbe- und Wohngebiet will Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) die Chancen der festen Fehmarnbelt-Querung nutzen. Der Rathaus-Chef schlägt die Umnutzung von Teilen des Truppenübungsplatzes Wüstenei im Nordwesten der Stadt vor.

Wirtschaftsexperten begrüßen den Vorstoß. Große Teile des Gebiets stehen allerdings unter europäischem Naturschutz.
„Die feste Fehmarnbelt-Querung bringt eine Aufwertung unserer Wirtschaftsregion und eröffnet Lübeck völlig neue Chancen“, sagt Saxe. Es sei eine Jahrhunderte alte Erkenntnis, dass sich entlang bedeutender Verkehrsachsen wirtschaftliche Entwicklung, Wachstum und Beschäftigung ergeben. Die Travestadt ist derzeit denkbar schlecht gerüstet für den Wettlauf der Standorte. Auf der künftigen  Wirtschaftsachse fehlen große, zusammenhängende Flächen.

Mit ihrer Lage zwischen den Autobahnen 1 und 20 sei die Wüstenei ideal, so die Stadtoberen. 335 Hektar des Militärgeländes liegen auf Lübecker Gebiet, einen Teil des Areals hat der Bund bereits an die Hansestadt abgetreten. Mindestens in der Größe des Hochschulstadtteils (115 Hektar) will Saxe Gewerbe- und Wohnflächen ausweisen. Der SPD-Politiker: „Auch für die Ansiedlung junger Familien bietet die Fehmarnbelt-Querung neue Chancen.“

Von Seiten des Landes drängt man Lübeck, die Chancen des zusammenwachsenden Wirtschaftsraumes von Hamburg bis zur Öresund-Region mutig anzugehen. Der Kieler Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) spricht von „einer Logistik-Aorta, an der sich links und rechts möglichst viele Gefäße ansiedeln sollten, um Wachstumsimpulse zu bekommen“. Arbeitsminister Uwe Döring (SPD) hat gerade erst Lübeck und Ostholstein gemahnt, endlich Gewerbegebiete auszuweisen. Döring: „Die Dänen sind schon deutlich weiter.“ Die Industrie- und Handelskammer Lübeck unterstützt Saxes Vorstoß. Lübeck brauche dringend neue Gewerbeflächen. Allerdings sollte die Region die Ausweisung gemeinsamer Gewerbegebiete prüfen.

Größtes Problem für die Planer: In der Wüstenei prallt Ökonomie auf Ökologie. 227 Hektar stehen als sogenanntes FFH (Flora, Fauna, Habitat)-Gebiet unter europäischem Schutz. Der Rest ist Landschaftsschutzgebiet. Hier leben die europäisch geschützte Haselmaus, Kammmolche und Wachtelkönige. Die Grünen lehnen die Zerstörung des Biotops ab.

Hintergrund "Wüstenei"
Woher der Name für das Areal im Nordwesten der Hansestadt kommt, wissen die von den LN befragten Experten nicht.

Das Gelände wurde 1966 von der Familie von Rumohr an die Bundesrepublik verkauft. Die richtete dort den Standortübungsplatz ein – mit Sprengplatz, Schießanlage und Panzerfaustbahn. Als die Bundeswehr 1993 aus Lübeck abzog, wurde kurz über die Nutzung als Gewerbegebiet diskutiert. Lübeck zeigte damals wenig Interesse. Das Areal wurde nach und nach unter Schutz gestellt, ist sowohl Landschaftsschutzgebiet als in großen Teilen sogar Flora-Fauna-Habitat-Gebiet.

LN-Kommentar: Falscher Standort
Diese Nachricht wird Haselmaus, Feldlerche und Laubfrosch nicht schmecken. Der Lübecker Bürgermeister will Teile ihrer Heimat mit Autohöfen, Speditionen und Wohnhäusern besiedeln. Auf der Suche nach neuen Flächen für Gewerbe und Wohnen hat Bernd Saxe das Gebiet Wüstenei entdeckt.

Lübeck braucht dringend attraktive und große Gewerbeflächen. Nur so, da sind sich die Wirtschaftsfachleute einig, kann die Hansestadt vom Boom der Fehmarnbelt-Querung profitieren. Der Wettlauf um ansiedlungswillige Unternehmen sei schon im Gange, sagen die Experten.

Alles richtig, und dennoch hat Saxe eine schlechte Wahl getroffen. Die Wüstenei leidet unter einem entscheidenden Nachteil. Große Teile stehen unter europäischem Naturschutz. Welche Hürden das bedeutet, weiß die Hansestadt aus dem mühseligen Ringen um den Flughafen Blankensee. Die Antwort auf den
Belt-Boom kann nicht die Politik der Vergangenheit sein. Es gibt einfach zu viele halb leerstehende Gewerbegebiete in der Region. Was in Sonntagsreden beschworen wird, kann jetzt praktiziert werden. Die Region entwickelt ein gemeinsames Gewerbegebiet, um den Belt-Boom zu nutzen. Das muss nicht in Lübeck sein.

Wüstenei: Gewerbeflächen kontra Naturschutz
Lübeck - Im Bau der festen Beltquerung wittern viele Kommunen eine Chance. Lübeck will nicht zurückstehen. Der Bürgermeister schlägt die Wüstenei als neue Fläche für Gewerbe und Wohnen vor.

Haselmaus, Neuntöter, Laubfrosch und Rebhuhn hatten 16 Jahre lang ihre Ruh’. Jetzt will ihnen Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) auf den Pelz rücken. Der Rathaus-Chef schlägt eine neues Gewerbe- und Wohngebiet von mindestens 115 Hektar auf dem Areal des Truppenübungsplatzes Wüstenei im Nordwesten der Stadt vor. Damit will Lübeck von dem Wirtschaftswachstum profitieren, das die feste Fehmarnbelt-Querung der Region bescheren soll.

„Es ist eine jahrhundertealte Erkenntnis, dass sich entlang bedeutender Verkehrsachsen wirtschaftliche Entwicklung, Wachstum und Beschäftigung ergeben“, so Saxe. Bei ihrer Suche nach attraktiven Flächen auf der künftigen Achse haben die städtischen Wirtschaftsförderer nichts anderes gefunden. „Die Wüstenei liegt nahe“, sagt Dirk Gerdes, Chef des Koordinierungsbüros Wirtschaft in Lübeck (KWL). Die Hansestadt brauche dringend zusammenhängende, preiswerte Areale nahe der A 1. Gerdes: „Die verkaufen sich am besten.“

Lübeck ist ohnehin knapp mit Gewerbeflächen. Gerdes hat nur noch 45 Hektar im Angebot – verstreut über die ganze Stadt. „Jede Gewerbegebiets-Ausweisung erhöht die Attraktivität des Standortes“, begrüßt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Saxes Initiative. Auch der DGB Schleswig-Holstein Ost fordert eine vorausschauende Flächenpolitik. Vorsitzender Uwe Polkaehn: „Das Angebot ist dünn.“

Insofern wäre die Wüstenei ein Befreiungsschlag. Mit mindestens 115 Hektar wäre die neue Fläche so groß wie der Hochschulstadtteil. Dessen Ausweisung – Grundstückserwerb, Erschließung und Ausgleichsflächen – hatte rund 50 Millionen Euro gekostet. In ähnlichen Dimensionen dürfte sich die Wüstenei bewegen. Zumal der Eingriff in ein geschütztes Biotop erfahrungsgemäß richtig teuer wird. 227 Hektar des 335 Hektar großen Geländes unterliegen dem strengen europäischen Naturschutz (FFH). Die städtische Naturschutzbehörde listet 40 Gewässer, ein zum Teil dichtes Knicknetz sowie besonders schutzwürdige magere Mähwiesen auf. In der Wüstenei leben neben der europaweit geschützten Haselmaus auch Feldlerche, Neuntöter, sieben Amphibienarten, Kammmolche und so viele Laubfrösche wie nirgendwo anders in der Travestadt.

Viele Experten haben denn auch Zweifel, ob die Wüstenei tatsächlich die beste Adresse ist. Die IHK rät, den Blick in die Region zu weiten. „Möglichkeiten gibt es entlang der Autobahnen, die Lübeck umgeben, und an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern“, so Sprecher Can Özren. DGB-Chef Polkaehn empfiehlt, vorrangig brachliegende Gewerbeflächen zu reaktivieren. Der CDU-Bauexperte Christopher Lötsch rät davon ab, „mit dem Gedanken einer Umwidmung von Naturschutzflächen auch nur zu spielen“. Die Grünen lehnen weiteren Flächenverbrauch ab. Umweltexperte Hans-Jürgen Schubert: „Die Beltquerung gibt es noch gar nicht, da kann man nicht ganze Landschaften schonmal überplanen.“ Nach LN-Informationen ist die Idee auch im Rathaus umstritten. Naturschutzamt und Stadtplanung lehnen das ab.

Auch die Wohnungswirtschaft ist nicht dafür. „Wir müssen vorhandene Wohngebiete revitalisieren“, sagt Hartmut Sörensen, Sprecher der Lübecker Unternehmen. In der Wüstenei müsste eine völlig neue Infrastruktur geschaffen werden. Sörensen: „Der Hochschulstadtteil hat gezeigt, dass die Stadt dafür kein Geld hat.“

Von Kai Dordowsky
15/01/09

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