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Geschrieben von: LN-Interview Sonntag, den 29. November 2009 um 00:00 Uhr

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jacobus_faurelnJacobus Faure (C&A) zu Ikea: Die Lübecker Händler wollen Ikea in Dänischburg – nicht aber das zusätzlich geplante skandinavische Einkaufszentrum. Das sagt Jacobus Faure vom Lübeck- Management. Lübecker Nachrichten: Herr Faure, der normale Lübecker Bürger blickt mittlerweile nicht mehr durch,

wenn über den Handel in Lübeck diskutiert wird. Ikea ja, Ikea nein. Sind wir von allen guten Geistern verlassen?
Jacobus Faure: Seit Wochen reden wir über das Thema Ikea und über die Entwicklung des Handels auf der grünen Wiese. Insgesamt 145 000 Quadratmeter neue Verkaufsfläche sollen in Dänischburg, im Herrenholz und in Genin-Süd entstehen.

LN: Ist doch prima.
Faure: Im Lübeck-Management erklären wir schon seit Wochen, dass wir für Ikea sind. Wir sehen Ikea eigentlich als Gewinn. Auch mit dem in Dänischburg von Villeroy & Boch neben Ikea geplanten „House of Living“ können wir noch ganz gut leben.

LN: Warum dann der Streit?
Faure: Das Lübeck-Management ist der Überzeugung, dass das ebenfalls von Ikea in Dänischburg geplante Skandinavien-Center einfach zu viel ist. Das sind insgesamt 22 000 Quadratmeter zusätzliche Einkaufsfläche.

LN: Und das gefährdet den Innenstadthandel?
Faure: Im Skandinavien-Center sind 6500 Quadratmeter für Mode geplant, 4500 Quadratmeter für Körperpflegemittel und Lebensmittel, 4650 Quadratmeter für Unterhaltungselektronik, 1500 Quadratmeter für Büro, Bücher und Schreibwaren und 2300 Quadratmeter für Baby- und Autobedarf sowie Spielwaren; das sind alles innenstadtrelevante Sortimente. Es ist unbestritten: Ikea ist als Möbelhaus so sexy, dass die Leute da einfach hinfahren. Das müsste Ikea doch reichen. Müssen diese rund 22 000 Quadratmeter innenstadtrelevante Verkaufsflächen denn unbedingt noch dazukommen?

LN: Bedroht das Center den Handel in der City?
Faure: Durchaus. Es sind doch nicht nur die 22 000 Quadratmeter in Dänischburg. Da kommt doch bis 2012 in anderen Gewerbegebieten noch mehr dazu. Lübeck hat zurzeit im Handel eine Gesamtverkaufsfläche von rund 460 000 Quadratmetern. Diese Verkaufsfläche wird sich bis 2012 um 30 Prozent auf 605 000 Quadratmeter erhöhen. Der Handel in der Innenstadt hat jetzt einen Anteil von 27 Prozent der Gesamtverkaufsfläche. Werden alle Pläne Wirklichkeit, rutscht er auf 20 Prozent runter. Das ist schon sehr, sehr bedrohlich. Da kann Lübeck nicht einfach sagen, es ist schön, dass etwas Neues dazukommt.

LN: Was wären die Folgen?
Faure: Ein massiver Verdrängungswettbewerb. Es ist doch unbestritten: Jede Stadt hat ihre grünen Wiesen. Das ist ganz normal. Aber die in Lübeck angestrebte Dimension ist schlimm. Lübeck muss bei seiner Ansiedlungspolitik auch an die bestehenden Arbeitsplätze denken. In Lübeck wird immer über neue Arbeitsplätze geredet, die dazukommen. Aber durch diesen Verdrängungswettbewerb werden bestehende Arbeitsplätze gefährdet.

LN: Mal richtig übersetzt: Sie sagen Ja zu Ikea als schwedisches Möbelhaus, aber nein zu Ikea als Großinvestor auf der Industriebrache in Dänischburg? Sie werfen Ikea vor, unter dem Vorwand, hier ein Möbelhaus aufzubauen, in großem Stil ein Gewerbegebiet zu vermarkten.
Faure: Ja.

LN: Lübeck hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Verträglichkeit der Ikea-Pläne in Dänischburg für den Lübecker Handel unter die Lupe nimmt.
Faure: Ja, ein Gutachten, das von Ikea bezahlt wird, wie der Möbelkonzern auf einer IHK-Veranstaltung in dieser Woche bestätigt hat.

LN: Wie bitte?
Faure: Das ist so. Ich fühlte mich selbst überrumpelt, als ich das gehört habe. Ich bin davon ausgegangen, dass die Stadt, wenn sie ein Gutachten in Auftrag gibt, dieses auch selbst bezahlt.

LN: Wenn Ikea das Gutachten bezahlt, steht das Ergebnis vermutlich fest?
Faure: Davon können Sie ausgehen.

LN: Nun plant ja nicht nur Ikea auf Lübecks grüner Wiese.
Faure: Stimmt. Der Citti-Park im Herrenholz rüstet auch auf.

LN: Wegen Ikea?
Faure: Ganz klar wegen Ikea. Citti hat jetzt 24 000 Quadratmeter Fläche, die wollen auf 34 000 Quadratmeter erweitern. Das ist doch verständlich. Aber das hat Folgen. Wir müssen uns doch mal die Relationen vor Augen führen. Im gesamten Gewerbegebiet Herrenholz gibt es derzeit eine Verkaufsfläche von 54 000 Quadratmetern. Dort wird ein Jahresumsatz von 328 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Innenstadt hat 123 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, also etwas mehr als doppelt so viel, und bringt es auf einen Umsatz von 382 Millionen Euro. Da sehen Sie doch, wie stark der Umsatz auf der grünen Wiese pro Quadratmeter ist. Viele Groß- und Massenprodukte werden in der Innenstadt gar nicht mehr gekauft.

LN: Was lässt denn der derzeitige genehmigte Dänischburger Bebauungsplan zu?
Faure: Dort darf ein Ikea-Möbelhaus mit einer Verkaufsfläche von 24 500 Quadratmetern für nicht innenstadtrelevante Sortimente entstehen und zusätzlich das „House of Living“ mit einer Verkaufsfläche von 5500 Quadratmetern für innenstadtrelevante Sortimente. So wurde das genehmigt. Ikea selbst aber hat jetzt erklärt, dass es auch im Möbelhaus auf 5500 Quadratmetern innenstadtrelevante Sortimente geben wird. Das heißt: Eigentlich widerspricht selbst diese kleine Ikea-Planung dem bestehenden Bebauungsplan.

LN: Bebauungspläne kann man ändern.
Faure: Das ist die große Gefahr. Es gibt in Dänischburg einen genehmigten Bebauungsplan mit 30 000 Quadratmetern Verkaufsfläche, und an dem darf nicht gerüttelt werden. Den muss Ikea akzeptieren.

LN: Nun plant Ikea in Dänischburg auch einen skandinavischen Baumarkt. Der passt in den bestehenden Bebauungsplan ebenso wenig hinein wie das Skandinavien-Center.
Faure: Lübeck hat keinen Mangel an Baumärkten. Die Baumarkt-Versorgung liegt zur Zeit bei 159 Prozent. Wir haben also schon jetzt eine Überversorgung von 59 Prozent.

LN: Warum ist Ikea denn auf einmal so heiß auf Lübeck?
Faure: Am Mittwoch hat das Lübeck-Management aus berufenem Munde erfahren, dass die Chefin von Ikea Deutschland erklärt habe, Lübeck sei für Ikea als Möbelstandort nicht attraktiv. Ikea werde nur nach Dänischburg kommen, wenn das gesamte Gewerbeprojekt des schwedischen Konzerns verwirklicht werden könne.

LN: Und wenn sich Lübeck nicht darauf einlässt?
Faure: Dann kommt Ikea eben nicht. Es gibt einen genehmigten Bebauungsplan in Dänischburg. In dessen Rahmen kann Ikea planen und bauen. Wir wollen Ikea dort haben, aber als Möbelhaus und nicht als Vermarkter großflächiger Gewerbe-Immobilien. Wenn Ikea seine Pläne durchsetzt, dann wird der Dänischburger Einkaufspark größer sein als der Citti-Park.

LN: Wenn Lübeck Ikea die kalte Schulter zeigt und Ikea sich verabschiedet, werden die Bürger stinksauer sein.
Faure: Nochmal! Auch wir wollen Ikea in Lübeck haben. Wir setzen als Lübeck-Management auf eine positive Zusammenarbeit mit dem schwedischen Möbelkonzern und dem „House of Living“ von Villeroy & Boch. Aber es darf in Dänischburg nur diese beiden Ansiedlungen geben. In diesem Sinne möchten wir gerne gemeinsam mit Ikea die künftige Entwicklung des Lübecker Handels positiv gestalten.


Von Torsten Teichmann
Ln-online/lokales vom 29.11.2009 00:00
Freundlich, verbindlich sachorientiert: Jacobus Faure ist ein Mann des ruhigen Tons.
Der begeisterte Kaufmann ist kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Bevor das Gespräch beginnt, füllt Faure in aller Ruhe die Kaffeetassen. Denn Hektik ist selten ein Vater des Erfolgs. Foto: ULF-KERSTEN NEELSEN

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