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Geschrieben von: LN-Interview Montag, den 23. November 2009 um 00:00 Uhr

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gerdes-im-intervie „Wir wollen kein Dauerparken in der City“ Warum Parkgebühren Sinn machen, weshalb Ikea trotz des Protestes kommt und was aus der Hafencity wird – erklärt KWL-Chef Dirk Gerdes.Lübecker Nachrichten: Ich war gestern einkaufen und habe zehn Euro Parkgebühren gezahlt. Wollen Sie die Kunden

aus der City vertreiben?
Dirk Gerdes: Ganz im Gegenteil. Unser Ziel ist es, die Leute in die Innenstadt zu holen und ihnen dort freie Stellplätze anzubieten. Mit der differenzierten Preisgestaltung für die Parkplätze wollen wir dafür sorgen, dass eine hohe Fluktuation entsteht und dadurch laufend neue Parkplätze zur Verfügung stehen.

LN: Sie wollen, dass die Menschen nur kurz einkaufen?
Gerdes: So ist es. In der Innenstadt sind die Gebühren nur deshalb höher, weil wir so vielen Menschen wie möglich die Gelegenheit geben wollen, in die Innenstadt zum Einkaufen zu fahren. Wir wollen kein Dauerparken mitten in der Innenstadt.

LN: Aber man fährt dann lieber gar nicht in die City.
Gerdes: Im Vergleich mit Kiel, Braunschweig, Freiburg haben wir ähnliche Gebühren. In Lübeck zahlen Sie direkt in der City zwei Euro pro Stunde, am Rande einen Euro pro Stunde. Wir finden das angemessen. Von einer weiteren Gebührenerhöhung – wie zurzeit diskutiert – halten wir jedoch nichts.

LN: Aber dann ist der Vorschlag der CDU, Aktionstage mit kostenlosem Parken einzuführen, das Richtige.
Gerdes: Bei Aktionstagen läuft man Gefahr, dass Menschen dort parken, die gar nicht einkaufen wollen, sondern die zur Arbeit gehen.

LN: Aber das kann man mit Parkpreiserstattung durch die Einzelhändler lösen.
Gerdes: Das ist ein wichtiger Punkt. Es wird immer gesagt, es gibt kein kostenloses Parken in der City. Das stimmt ja so nicht. Wir versuchen seit Jahren, eine Rückerstattung der Parkgebühren zu realisieren. Wenn sich die Innenstadthändler einig wären und mitspielen würden, dann würden die Kunden ihre Parkgebühren zurückbekommen.

LN: Aber die Kaufleute in der Hansestadt spielen nicht mit?
Gerdes: Nein, es funktioniert nicht. Wir haben viele Aktionen gestartet. Wir bekommen diesen Prozess aber nicht in Gang. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht an mangelnder Geschlossenheit der Kaufleute in der Innenstadt. Das ist jedenfalls eine vertane Chance. Und wenn immer gesagt wird, auf der Grünen Wiese gibt es kostenloses Parken, dann darf man nicht vergessen, dass ein Investor wie Ikea sehr viel Geld für den Erwerb der Flächen und die Herrichtung der Stellplätze ausgeben muss.

LN: Ikea ist das richtige Stichwort. Die Innenstadthändler sind gegen das zusätzlich geplante skandinavische Center. Platzt der Deal mit Ikea?
Gerdes: Davon gehe ich nicht aus. Ikea ist dafür ein zu bedeutender und umworbener Investor.

LN: Aber es gibt erhebliche Proteste. Die Kaufleute fürchten um ihre Kunden in der City. Es sollen insgesamt – mit Citti und Möbel Lutz – 145 000 Quadratmeter Verkaufsfläche entstehen. Das ist mehr als die City bietet.
Gerdes: Wir nehmen die Bedenken sehr ernst. Wir nehmen aber genauso die Sorgen und Nöte der Bürger nördlich der Trave sehr ernst. Die Veranstaltung in Rangenberg hat gezeigt, wie wichtig Ikea ist und wie viel Hoffnung die Menschen in die Ansiedlung von Ikea setzen.

LN: Wo ist die Lösung?
Gerdes: Die Lösung wird auf dem Kompromissweg gesucht und gefunden werden. Da bin ich sicher. Es geht um die sogenannten innenstadtrelevanten Sortimente und die Größe der Verkaufsflächen.

LN: Wie viel Quadratmeter dieses Sortiments braucht Ikea mindestens, damit sie nach Lübeck kommen?
Gerdes: Diese Verhandlungen können wir im Moment noch gar nicht führen, weil wir auf ein Gutachten warten, das Antwort auf die Frage geben soll, was für Lübeck und das Umland verträglich ist und was nicht. Dänischburg hat ja bereits ein Baurecht für Einzelhandel. Jetzt kommen noch weitere Verkaufsflächen hinzu. Das ist Untersuchungsgegenstand.

LN: Die Kücknitzer haben klar ihre Angst formuliert, dass die Kaufleute dieses Projekt verhindern. Lassen Sie sich erpressen?
Gerdes: Das kann man in beide Richtungen auslegen. Wir lassen uns weder von dem Verbraucher, noch lassen wir uns von den Kaufleuten erpressen – das ist sicherlich auch nicht die richtige Wortwahl. Es sind im Prinzip Bedenken, die es immer gibt, wenn man Gewerbe ansiedelt. Ich bin außerdem fest davon überzeugt, dass die Innenstadt so attraktiv ist, dass die Kaufleute mit der Einzigartigkeit der Altstadt immer ein Pfund haben, mit dem sie wuchern können.

LN: Kommt Ikea?
Gerdes: Ich habe die große Hoffnung, dass Ikea kommt.

LN: Kommt die Hafencity auf der Wallhalbinsel auch?
Gerdes: Ich bin sicher, dass die Hafencity kommt – das ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben ein sehr ehrgeiziges Ziel verfolgt, das gesamte Areal an einen Investor zu verkaufen. Damals war die Zeit dafür da. Doch durch die Finanz- und Immobilienkrise ist nichts mehr so, wie es war.

LN: Sind die isländischen Investoren denn jetzt raus?
Gerdes: Sie sind nicht raus, aber wir fordern jetzt ein klares Bekenntnis vom Investor.

LN: Das Bekenntnis gibt es, aber nicht die Finanzen.
Gerdes: Das stimmt. Ich kann vieles bekennen, aber ich brauche die finanziellen Mittel, um es zu realisieren. Diesen Nachweis fordern wir. Wir haben den Investoren gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass wir noch in diesem Jahr eine Antwort wollen.

LN: Wenn man mit den Isländern spricht, fühlen sie sich von der Stadt ausgenutzt.
Gerdes: Kommunikation beruht immer auf Gegenseitigkeit. Beim Aufstellen des Bebauungsplanes beispielsweise hat der Investor nicht im angemessenen Umfang mitwirken wollen oder können.

LN: Die Isländer haben das vernachlässigt?
Gerdes: Wenn Sie mich so direkt fragen, dann würde ich mit ja antworten.

LN: Wenn die Isländer finanziell nicht mehr können, wie geht es dann weiter?
Gerdes: Diese Frage stellen wir uns nicht erst seit heute. Die Vorgehensweise zur Realisierung der Hamburger Hafencity ist ein gutes Beispiel, wie man ein so bedeutendes städtebauliches Vorhaben umsetzen kann. Dort gibt es eine städtische Gesellschaft, die die Entwicklung der Hafencity vorangetrieben hat.

LN: Haben Sie keine Angst, baden zu gehen?
Gerdes: Nein, das Risiko ist überschaubar. Denn wir würden die Flächen lediglich entwickeln und vermarkten. Investitionen in den Hochbau so wie die Isländer, die 160 Millionen Euro einbringen wollten, würden wir nicht tätigen. In vielen Gesprächen, die wir bisher geführt haben, wurde deutlich, dass eine Parzellierung in kleinteilige Bauabschnitte zielführend ist.

LN: Wann kann man dort eine Wohnung beziehen?
Gerdes: Das ist sehr spekulativ. Wir gehen von Baurecht in 2010 aus. 2012 wäre realistisch.

Von Josephine von Zastrow
Ln-online/lokales vom 23.11.2009 00:00
Foto: Der Chef des Koordinierungsbüros Wirtschaft (KWL) Dirk Gerdes hat sein Besprechungszimmer direkt am Klughafen.

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