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Geschrieben von: LN-Interview Sonntag, den 20. Dezember 2009 um 00:00 Uhr

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09.willy-brandt-haus_ln– wie geht es weiter? Die LN sprachen mit Leiter Jürgen Lillteicher und Ex-Landesminister Gerd Walter vom Freundeskreis.Lübecker Nachrichten: Herr Walter, Ihr Verhältnis zu Willy Brandt?Gerd Walter: Für mich persönlich ist es ein inneres Anliegen, dieses Haus zu unterstützen. Mit Willy Brandt

verbinde ich viele Geschichten. LN: Und zwar?

Walter: Willy Brandt hat seine Memoiren „Links und frei“ im Europäischen Parlament geschrieben – mit dem Füller. Er war nach 1979 die Nummer eins auf der SPD-Liste und saß drei Reihen vor mir. Als er das Kapitel über Lübeck schrieb, bat er mich in sein Büro: Lübecker, Du musst das jetzt mal durchlesen. Und gib’ das auch dem Björn (Engholm).

LN: Was schrieb er?

Walter: 20 Seiten Rechtfertigung seines Weggangs aus Lübeck. Ich riet ihm zu kürzen. Denn es wäre ihm auch damit nicht gelungen, die Menschen, die in ihm immer noch einen Vaterlandsverräter sahen, zu überzeugen – egal wie viel er schrieb. Er folgte meinem Rat.

LN: Sind Sie ihm auch später noch begegnet?

Walter: Die berührendste Geschichte ist die seines Abschiedsspaziergangs durch Lübeck. Er hat anrufen lassen: ,Willy möchte noch mal Lübeck sehen’. Wir haben dann mit drei, vier Leuten noch einmal das Johanneum, seine Schule, besucht. Und die alte Druckerei in der Dr.-Julius-Leber-Straße. Eine bedrückende Atmosphäre – Brandt hat sich gegen Ende seines Lebens recht allein gefühlt.
„Wir sind kein Brandt-Mausoleum“
LN: Viele Lübecker halten das Willy-Brandt-Haus immer noch für eine SPD-Einrichtung.

Jürgen Lillteicher: Da liegen sie echt falsch. Unsere Zeitzeugen-Veranstaltung mit Hans-Jochen und Bernhard Vogel oder Horst Ehmke fand ein sehr breites Publikum. Zu unseren Denk-Bars mit Björn Engholm kommen auch Bankenvertreter und Leute aus der Wirtschaft.

Walter: Dies hier ist kein SPD-Haus. Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung ist eine Bundes-Stiftung, die 1994 einmütig vom Bundestag beschlossen wurde. In diesem Sinne wird hier auch gearbeitet. Es ist in erster Linie ein Haus der Geschichte und der politischen Bildung.

LN: Aber viele Redner kommen aus der SPD.

Walter: Das Angebot wird breiter werden, schon 2010.

Lillteicher: Wir werden eine kleine Sonderausstellung der Naumann-Stiftung über Ex-Außenminister Walter Scheel zeigen. Ex-Innenminister Gerhart Baum wird zur Eröffnung sprechen. Ein FDP-Mann.

LN: Wer ist im Freundeskreis?

Walter: Er ist breit zusammengesetzt – vom Altbischof über die Vorsteherin der Gemeinnützigen bis zum früheren Ministerpräsidenten. Ich wage zu sagen, unter ihnen sind auch einige, die Willy Brandt zu Lebzeiten nicht gewählt haben.

LN: Willy Brandt hat in Lübeck nicht nur Freunde gehabt, oder?

Walter: Ich habe noch die Zeit erlebt, in der die eine Hälfte der Lübecker Willy Brandt für einen Vaterlandsverräter hielt – auch in Ihrer Zeitung wurde diese Frage diskutiert. Es ist beglückend, wie heute über alle Grenzen politischer Herkunft hinweg das Haus in Lübeck angenommen worden ist. Brandt, der trotz seines frühen Fortgehens zeitlebens eine enge Bindung zu Lübeck hatte, ist zu Hause angekommen.

LN: Wie viele Besucher kommen pro Jahr?

Walter: Es sind nicht nur die Anfangsneugierigen. Im zweiten Jahr nach der Eröffnung 2007 liegen wir sogar bei über 40 000 Besuchern – das Haus hat sich etabliert.

Lillteicher: Für Touristen aus dem Ausland ist Brandt eine Ikone der Zeitgeschichte – wir haben Besucher aus Polen, China und sogar aus Neuseeland.

LN: Was erwartet uns im kommenden Jahr 2010?

Lillteicher: Ein Höhepunkt wird eine Ausstellung des Berliner Fotojournalisten Robert Lebeck sein. Hier wird verstärkt der private Willy Brandt sichtbar werden, was von Besuchern der Ausstellung oft vermisst wird.

Walter: Lebeck hatte Brandt als Kanzler mehrere Jahre für die Zeitschrift „Stern“ begleitet, ohne großen Zugang zu dem Menschen Willy Brandt gefunden zu haben. Nach drei Jahren soll Brandt ihn morgens nach dem Frühstück gefragt haben. Wer sind Sie denn?

LN: Was kommt noch?

Walter: Herr Lillteicher hat ein großes Wunschprojekt. Wir haben in Lübeck drei Häuser, die sich drei Nobelpreisträgern widmen. Lübeck ist die Stadt der Nobelpreisträger wie kaum eine andere in Deutschland. Zusammen könnten Stadt und die drei Einrichtungen Lübeck zum Treffpunkt des Dialogs und der Einladung von Nobelpreisträgern machen.

Lillteicher: Literatur und Politik im Kampf um den Erhalt der Menschenrechte wäre ein Motto. Aber es gibt auch ein pädagogisches Programm: Was sind ausgezeichnete Menschen, wem würde ich heute einen Preis verleihen? Wir wollen auch Jugendliche ansprechen: Kann ich so was auch erreichen? Daraus kann auch Lübeck einiges ziehen.

LN: Hat das Haus eine andere politische Debatte in die Stadt gebracht?

Walter: Es ist den Versuch wert. Die Stadt könnte es vertragen.

LN: Comics und virtuelle Mauer – Sie wenden sich auch an junge Menschen.

Lillteicher: Das ist hier keine Ruhmeshalle Willy Brandt. Die Jugendlichen sollen mit ihm Zeitgeschichte erleben. Eine Lehre ist etwa: Die Rechte, die ich täglich wahrnehme, muss ich auch verteidigen und muss aufpassen, dass sie mir niemand wegnimmt. Die Rechte fallen nicht vom Himmel, sondern sind erkämpft worden. Wir setzen auf Schulprojekte wie mit der Schlutuper Willy-Brandt-Schule zum Mauerfall.

Walter: Generell kann man trotzdem sagen: Wir wünschen uns mehr junge Leute. Das ist hier ein Lernort für Demokratie jenseits musealer Heldenverehrung. Wir wollen kein Willy-Brandt-Mausoleum sein.

LN: Die SPD verliert bei Wahlen immer mehr an Bedeutung. Macht das die Sache schwieriger?

Walter: Ich sehe da keinen Zusammenhang. Es ist eher der Blick auf große Persönlichkeiten in der Vergangenheit, der Defizite offen legt. Politik hat heute weniger Persönlichkeiten, zu denen man Vertrauen hat. Die Bereitschaft, nicht nur rückwärtsgewandt mit unseren Zeitzeugen wie Egon Bahr zu diskutieren, ist außerordentlich groß. Viele Menschen empfinden einen Mangel an Orientierung. Die Erinnerung an Willy Brandt kann da nur beflügeln.


Von Olaf Bartsch
ln-online/lokales vom 20.12.2009 00:00:08
Eine schillernde Brandt-Figur: Die Skulptur des Künstlers Rainer Fetting steht überlebensgroß in der SPD-Parteizentrale in Berlin – und in kleinerer Form auch im Lübecker Willy-Brandt-Haus an der Königstraße. Leiter Jürgen Lillteicher spricht häufig mit Gerd Walter (re.), der als gebürtiger Lübecker und Mitglied des
Freundeskreises dem Haus zur Verfügung steht. Foto: Tim Jelonnek

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