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Geschrieben von: LN-Interview Montag, den 16. Februar 2009 um 00:00 Uhr

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01.engholm_lnEngholm zum Bischofssitz: „Eine idiotische Regelung“ Immer mit der Ruhe und dann mit ’nem Ruck, sagt man in Norddeutschland. Daran hält sich auch Björn Engholm. Bevor die erste Frage gestellt wird und die erste messerscharfe Antwort folgt, kredenzt der frühere Ministerpräsident einen hessischen Weißburgunder.

Dann folgt ein Blick in den Terminkalender und die Erkenntnis, dass „ich mir gern die Woche vollpacke“.Foto: TIM JELONNEK

Lübeck - Lübeck ohne Bischofssitz ist für den früheren Ministerpräsidenten und engagierten Christen Björn Engholm eine Zumutung:
„Gegen Lübeck könnte eigentlich niemand etwas haben.“

Lübecker Nachrichten: Herr Engholm, ist es für Sie eine große Enttäuschung, dass Lübeck nicht Bischofssitz der künftigen Nordkirche wird?
Björn Engholm: Ja, das kann ich nicht leugnen. Das ist eine große Enttäuschung, weil der Standort Lübeck sehr vieles für sich hat – ohne dass man gegen einen anderen Standort sein muss. Es ist zum anderen eine Enttäuschung, dass die Nordelbische Kirche auf dem Weg zur Nordkirche sehr viele Purzelbäume schlägt. Es wird eine Entscheidung gefällt, dann wird diese wieder aufgehoben, und dann geht man in die nächste Synode hinein und fragt sich, ob auch dieser Beschluss wieder aufgehoben wird. Die jüngste Entscheidung spricht nicht für die Führungskraft unserer Kirche.

LN: Sie gehen davon aus, dass der Beschluss, Schwerin zur Bischofsstadt zu machen, von der Nordelbischen Synode im März wieder aufgehoben wird?
Engholm: Das kann ich nicht sagen. Und ich werde auch nicht dafür fechten, dass die Synode alle drei Monate Beschlüsse verwirft. Aber es wird viele Synodale geben, die sich die Frage stellen, warum eine Stadt wie Lübeck vollkommen leer ausgeht. Lübeck ist ja sozusagen der Punkt auf der Landkarte, wo dann nichts stattfindet; keine Kirchenverwaltung, kein Bischofssitz, gar nichts. Und das wird die Synodalen beschäftigen müssen.

LN: Das klingt frustriert.
Engholm: Lübeck spielt historisch eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der lutherischen Kirche. Bugenhagens Kirchenordnung entstand in Lübeck. Hier gibt es eine lange Tradition der Lutheraner, der früheren Martinianer. Wer geschichtsbewusst ist, weiß doch, dass Kirche von Geschichte lebt und muss deshalb diese Faktoren in Rechnung stellen. Ich vermute deshalb, dass es da noch Überlegungen geben wird.

LN: Hat Lübecks Stellenwert gelitten?
Engholm: Wenn Lübeck sieht, dass Kiel den nordelbischen Verwaltungssitz behält, dass Schwerin den Sitz des Landesbischofs bekommt, dass es drei weitere Bischofssitze in der Nordkirche geben wird, Lübeck aber nichts hat, dann, so glaube ich, wird das der Attraktivität des lübschen Kirchenlebens doch schon mehr als eine Delle versetzen. Man fühlt sich als Lübecker benachteiligt, zurückversetzt. Lübeck ist ein Standort, der die schönste Kirchenpracht besitzt: Fünf Stadtkirchen, sieben Türme; das hat eine unglaubliche Symbolkraft im gesamten Ostseeraum. Dazu gehört der Dom als angestammter Bischofssitz. Und das alles soll nun nichts gelten?

LN: Aber wie es aussieht, wird die Nordkirche einen ziemlich vereinsamten leitenden Bischof in Schwerin bekommen, der 180 Kilometer von seiner Verwaltung entfernt agiert.
Engholm: Ich hatte in meinem Leben mit Verwaltungen sehr viel zu tun. Ich war viele Jahre in Regierungsämtern, habe auch größere Fraktionen geleitet. Die Vorstellung, meine Verwaltung säße weit von mir entfernt, und ich säße isoliert an einem Ort ohne Verwaltung, ist für mich unvorstellbar. Das ist eine idiotische Regelung. Der Chef, in diesem Fall der Landesbischof, muss am Verwaltungsstandort sitzen.Man kann eine Verwaltung mit vielen, vielen Köpfen nicht per E-Mail führen. Eine solche Verwaltung fängt über kurz oder lang an, sich zu
verselbstständigen.

LN: Das heißt, die Verwaltung macht, was sie will?
Engholm: Diese Tendenz besteht. In der Kirchenverwaltung sitzen kompetente Leute. Und wenn nicht jemand da ist, der regelmäßig eine Leitungssitzung abhält, wo die Führungskräfte das weitergeben, was entschieden worden ist, dann führt das fast naturgemäß zur Verselbstständigung. Und das macht Kirche dann schwach. Der Chef im eigenen Hause ist dann nicht mehr der wirkliche Chef. Wir sehen doch gerade, was beim viel besser organisierten Papst passiert. Daraus kann man wunderbar lernen. Der besitzt ja ganz offensichtlich auch nicht alle Informationen. Die Folge ist ein Verlust von Autorität und Strahlkraft.

LN: Wenn für Christen Kirche nicht mehr zu finden ist in ihrer Spitze, besteht dann nicht die Gefahr der Entfremdung. Oder muss der Gemeindepastor jetzt alles wuppen?
Engholm: Gottlob haben wir ja in Lübeck starke Gemeindepastoren. Die werden in jedem Fall die Kirche daran hindern, niederzugehen. Das ist keine Frage. Wir wollen doch in dieser Zeit der Wirtschaftskrisen, der unglaublich tiefen Löcher, die uns diese Bankrotteure beschert haben, wieder Haltepunkte finden. Und die einzige Institution, die für Werte steht, ist die Kirche. Doch die Kraft der Kirche
wird durch vermeidbare Konflikte wie diesen geschwächt. Wir legen uns unglaublich viele Steine in den Weg. Wir werden uns mehr mit uns selbst beschäftigen in den kommenden Jahren als mit der Verkündung einer guten Botschaft.

LN: Den nordelbischen Verwaltungssitz in Kiel zu belassen, wird mit Sparmaßnahmen begründet.
Engholm: Das Argument kann man nicht völlig von der Hand weisen. Aber wenn die Geldfrage die einzige Frage ist, die die Kirche beschäftigt, dann verstehe ich diese Kirche nicht mehr. Zumal es in in Lübeck Immobilien gibt, die dem Geldargument entgegenstehen.

LN: Für den Außenstehenden entsteht der Eindruck, Lübeck werde der Bischofssitz nur deshalb vorenthalten, weil die Verwaltung nicht umziehen will.
Engholm: Ich habe in meinem Leben schon erlebt, dass Verwaltungsbeamte, die fest im Sattel sitzen, unglaublich starken Druck ausüben können. Und dass die Kirche sich solchen Entscheidungen beugt, spricht nicht für ihre Führungsstärke.

LN: Glauben Sie denn, dass ein Bischof, der allein in Schwerin sitzt, die Kirche zwischen Greifswald und Husum in den Griff bekommt?
Wäre es nicht sinnvoller gewesen, dann auch die Verwaltung in Schwerin anzusiedeln? Engholm: Das wäre zumindest vernünftiger als die jetzige Lösung. Ich habe nichts gegen Schwerin. Ich mag die Stadt, und ich gönne den Menschen dort alles, was sie kriegen können. Nur: Der Ort, der eine ideale Schnittstelle zwischen Ost und West ist, ist Lübeck. Die Hansestadt war in ihrer Geschichte immer diese Schnittstelle. Diese Stadt hat immer die Verbindung zwischen Ost und West hergestellt – weit,weit mehr als Kiel. Diese historische Rolle hätte man nutzen müssen, um Lübeck in den kirchlichen Gestaltungsprozess intensiver einzubinden. Es gibt ganz viele Argumente, die nicht gegen andere, aber für Lübeck sprechen.

LN: In der Vergangenheit entstand der Eindruck, dass Lübeck für die Lutheraner in Vorpommern und Mecklenburg als Bischofssitz gut zu vermitteln war.
Engholm: Ja, das Verhältnis ist hervorragend. Aber man muss auch eines bedenken: Die Landeskirche in Mecklenburg und die Kirche in Vorpommern haben zusammen nur 300 000 eingeschriebene Christen. Ob das ausreicht als Legitimation für einen Landesbischof in Schwerin, weiß ich nicht. Da muss man die Gewichte richtig gewichten. Und das ist nicht gelungen. Für Lübeck spricht die Geschichte, die große lutheranische Tradition, die Hansestadt als Bindeglied zwischen Ost und West. Auch nach der Wende 1989 war Lübeck ein Kristallisationspunkt. Gegen Lübeck könnte eigentlich niemand etwas haben.

LN: Nur ändert das nichts. Lübeck muss Hoffnungen auf einen Bischofssitz wohl fahren lassen.
Engholm: Ich finde, dass sich die Synode ziemlich verfahren hat, in dem sie mal so entscheidet und mal so. Sie hat sich auch verfahren in eine politische Machart, die nicht gefällt. Es wird ganz offensichtlich nicht mehr theologisch-christlich gedacht und entschieden, es wird politisch gekungelt. Es fehlt uns ein Luther, der sich hinstellt und sagt: „Leute, hier stehen wir, wir können gar nicht anders, wir müssen etwas Vernünftiges tun.“ Dies hier ist keine Vernunftlösung, sondern eine Kompromisslösung. Und Kompromisse haben keine Haltbarkeit.

Von Torsten Teichmann
16/02/09

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