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Geschrieben von: LN-Interview Sonntag, den 18. Oktober 2009 um 00:00 Uhr

02.iris_klasenSpontan ein Interview zu geben, ist für die gelernte Journalistin kein Problem. Aus dem Stegreif kann sie an jedem Ort – hier ist es das Café in der Petri-Kirche – eine Lanze für die Wissenschaftsstadt Lübeck brechen. „Eine Stadt, der es gelingt, für Wissenschaft zu begeistern, muss sich nicht um ihre Zukunft sorgen.“

Lübecks neue Wissenschafts-Managerin will Bürger und Hochschulen zusammenbringen.

Lübecker Nachrichten: Was genau macht eine Wissenschaftsmanagerin?

Iris Klaßen:. Ich unterstütze den Aufbau von Netzwerken zwischen Hochschulen, Wirtschaft und der Stadt. Außerdem trage ich vorhandenes Wissen der Hochschulen in die Stadt und werbe für Wissenschaft.

LN: Was passiert denn bisher mit dem Wissen?

Klaßen: Lübeck ist ein gutes Beispiel, wie vielfältig Wissen in einer Stadt vorhanden ist. Meine Aufgabe ist, vielen Menschen den Zugang zu dieser wichtigen Ressource zu ermöglichen. In einem ersten Schritt heißt das, öffentlich und unterhaltsam für Wissensthemen zu begeistern. Die Wissenschafts-Szene verschließt sich dieser Aufgabe nicht und lädt zu vielen öffentlichen Veranstaltungen ein. Vielen Bürgern, zumal denen ohne Hochschulabschluss, ist das Angebot an kostenlosen Vorträgen oft gar nicht bewusst. Egal ob Verkäufer oder Handwerksmeisterin – ihnen stehen die Türen offen. Schließlich finanzieren sie über ihre Steuergelder auch einen Teil von Wissenschaft mit.

LN: Aber warum ist es wichtig, Wissen in die Stadt zu tragen?

Klaßen: Weil die Hochschulen am Stadtrand sind und es Besuchern und Bürgern nicht offensichtlich ist, dass sie in einer Wissenschaftsstadt sind. Unabhängig davon steigen die Ansprüche an die Bürger, sich in der Informationsflut zurecht zu finden. Wissenschaftlicher Fortschritt betrifft uns alle.

LN: Haben Sie nicht den Eindruck, dass für viele Bürger die Auswahl der Sitzmöbel an der Obertrave bedeutender ist als Forschungsergebnisse der Uni?

Klaßen: Das mag sein. Aber nur, weil die Menschen nicht wissen, wie sehr die Arbeit der Hochschulen mit ihrem Leben in Bezug stehen. Nehmen Sie die Themen Energie oder auch Gesundheit. Was muss ich beim Kauf einer Waschmaschine beachten oder wie kann ich dem Herzinfarkt vorbeugen? In beiden Fällen kann Wissenschaft aufklären. Wenn es dank Lübecker Forschung gelingt, ein Herzinfarktrisiko frühzeitiger zu entdecken und es dazu einen verständlichen Vortrag gibt, geht man hin, erzählt es weiter und ist stolz, in einer Hochschulstadt zu leben.

LN: Ist Lübeck eine Wissenschaftsstadt?

Klaßen: Ja. Hier gibt es wissenschaftliche Forschung, die weit über die Stadtgrenze ausstrahlt. Studieninteressierte reißen sich darum, nach Lübeck zu kommen. Nehmen Sie das aktuelle Hochschulranking. Die Universität hat mit ihrem Medizinstudiengang die beste Bewertung des gesamten Rankings erhalten. Aber die Stadt muss sich noch mehr öffnen. Ein praktisches Beispiel: Es fehlt eine vernünftige Beschilderung. Im Straßenbild wird nicht deutlich, dass es hier sehr rührige Hochschulen gibt.

LN: Mit 6000 Studierenden ist Lübeck noch nicht einmal eine Studentenstadt.

Klaßen: Muss sie auch noch nicht sein. Entscheidend ist, Visionen zu entwickeln. Beispielsweise durch den Aufbau eines außerschulischen Lernorts, der Wissenschaft für jung und alt erlebbar macht. Und das nicht als Einzelaktion, sondern dauerhafte Einrichtung insbesondere für junge Forscher – eben die Studierenden von morgen.

LN: Nach einer neuen Studie spielt Wissenschaft für das Image der Stadt keine Rolle. Ist Ihr Job vergebliche Liebesmüh?

Klaßen: Für das Stadtmarketing spielt Wissenschaft eher eine nachrangige Rolle. Für die Identitätsbildung einer Stadt sieht das anders aus. Lübeck hat die Aufgabe, den Bürgern ein umfassendes Bildungsangebot zu unterbreiten. Man steht im Wettbewerb um Unternehmen und kluge Köpfe. Wissenschaft gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Eine Stadt, der es gelingt, für Wissenschaft zu begeistern, muss sich nicht um ihre Zukunft sorgen.

LN: „Abenteuer Informatik“ haben Sie hinter sich, „Tag der Wissenschaft“ vor sich. Wie lautet Ihr erstes Fazit?

Klaßen: Es gibt ein großes Engagement von Hochschulen und Wirtschaft. Ich merke, dass die Bürger das Angebot sehr gut annehmen, wenn man verständliche und unterhaltsame Veranstaltungen auf die Beine stellt. Bei „Abenteuer Informatik“ gab es mahnende Stimmen, dass die Schulen nicht so kurzfristig in die Ausstellung kommen können. Das Gegenteil war der Fall: Es waren 700 angemeldet, es kamen 250 unangemeldet.

LN: Können Sie ein Projekt für 2010 verraten?

Klaßen: Es wird im nächsten Jahr in jedem Fall eine Art Wissensschafts-Festival geben – vielleicht auch ein Fest für junge Forscher. Die Entscheidung liegt aber nicht bei mir.

LN: Was muss man sich unter dem Festival vorstellen?

Klaßen: In erster Linie Party, damit die Menschen mal auf den Campus kommen. Möglicherweise gelingt es, die Veranstaltung mit einem Tag der offenen Tür in den Instituten zu verbinden. Vorstellen könnte ich mir an diesem Tag auch gesonderte Führungen durch das Uni-Klinikum für die Taxifahrer. Sie setzen ihre Fahrgäste immer davor ab und haben keinen Einblick in das wissenschaftliche Tun vor Ort. Krankenhaus Ost ist danach auch für sie bestimmt Vergangenheit.

LN: Eine erneute Bewerbung zur „Stadt der Wissenschaft“ wurde vorerst auf Eis gelegt. Warum?

Klaßen: Der Bewerbungsschluss für 2011 war der 15. Oktober dieses Jahres. Ich habe im Juni angefangen. Diese Bewerbung wäre mit der heißen Nadel gestrickt worden. Für mich steht im Vordergrund das nachhaltige Umsetzen von Projekten. Wenn daraus eine erneute Bewerbung erwächst, bin ich dabei. Ich werde spätestens im Februar eine Empfehlung abgeben, ob Lübeck sich 2012 bewerben sollte.


Von Kai Dordowsky, Ln-online/lokales vom 18.10.2009 00:00

Die 43-Jährige setzte sich gegen 138 Mitbewerber um den Job der Wissenschaftsmanagerin durch. Foto: LUTZ ROESSLER

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