Diese Website empfehlen:

letzte Kommentare

RSS

Geschrieben von: LN Beitrag Freitag, den 10. Oktober 2008 um 00:00 Uhr

Benutzerbewertung: / 0
SchwachPerfekt 

02.groenauerheideGrönauer Heide: Flughafen - Arbeitsplätze oder Armleuchteralge? Kein anderes Naturschutzgebiet in Lübeck hat derart widerstreitende Interessen auszuhalten wie die Grönauer Heide. Was macht das Gebiet eigentlich so wertvoll? Ein Streifzug. Wir stapfen über Borstgrasrasen und durch die lila-schimmernden

Heideflächen. Frank Kling, Diplom-Ingenieur für Landschaftspflege, passt auf, dass drei Journalisten nicht auf Solitär-Wespen und Natternkopf herumtrampeln. „Er kennt das Gebiet wie seine Westentasche“, lobt die stellvertretende Bereichsleiterin Naturschutz, Dr. Ursula Kühn, ihren Kollegen. Kühn und Kling zeigen den biologischen Laien im Schnelldurchgang, was die Grönauer Heide so einzigartig macht.
Hufeisenförmig schmiegt sich das 345 Hektar große Gelände mit der korrekten Bezeichnung „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ um den Flughafen Blankensee. Nirgendwo wird der Widerstreit von ökonomischen und ökologischen Interessen so offenkundig wie hier. Der Airport will wachsen und stößt sozusagen auf natürliche Hindernisse. Selbst wenn nur ein neuer Sicherheitszaun gezogen wird, muss auf Brachpieper und Zauneidechse Rücksicht genommen werden.
Die Heimat von Kreuzblume und Stutzflügel-Zwergkäfer, von Wiesen-Kümmel und Königslibelle genießt die höchsten Schutzkategorien, die denkbar sind. Die Grönauer Heide ist nicht nur seit zwei Jahren Naturschutzgebiet, sondern auch Flora-Fauna-Habitat und Europäisches Vogelschutzgebiet. Hier gibt es Käfer, die ihre Hinterkörper wie Skorpione verbiegen können. Hier wurden für Reptilien eigens neue Brutplätze aufgeschüttet – sogar unter wissenschaftlicher Aufsicht.
Bei der Journaille wächst mit jedem Schritt die Begeisterung für dieses Biotop. Ein Fotograf fläzt sich auf Magerrasen, um sich der Schönheit von Heidenelke und Rentierflechte professionell zu nähern. Landschaftspfleger Kling zückt ein Netz, um einen Feuerfalter einzufangen. Doch der Schmetterling ist zu schnell. Eine Ansammlung prächtiger Fliegenpilze sorgt für Entzücken. Umweltexpertin Kühn: „Die kennt man aus Kindheitstagen und aus Bilderbüchern. Fliegenpilze gibt es gar nicht mehr so oft.“
Die eigentlichen Stars des Naturschutzgebietes bekommen wir nicht zu Gesicht. Nitella capillaris beispielsweise: Die Grönauer Heide beherbergt den einzigen bekannten Lebensraum der „Haar-Glanzleuchteralge“, eine Armleuchteralgen-Art. Oder Biastes truncatus – eine Wildbiene, die es nirgendwo anders in Schleswig-Holstein gibt. Oder den Brachpieper, der hier einen seiner letzten Brutplätze in Schleswig-Holstein hat. Nahezu alle Tier- und Pflanzenarten, die den Konflikt zwischen Wirtschaft und Naturschutz anheizen, kommen hier vor. Neben der Armleuchteralge auch der Wachtelkönig und der Kammmolch. Es fehlt nur die Bauchige Windelschnecke, die vor Jahren dem Hafenausbau im Weg stand.
1234 Käferarten, 400 Großschmetterlinge, 34 Libellenarten und 76 verschiedene Brutvögel sind auf dem Gelände zu Hause. Die dichte Abfolge von unterschiedlichen Lebensräumen sorgen „für eine unheimlich hohe Artenzahl“, berichtet Ursula Kühn. Es gibt Heideflächen, Moorweiher, Gehölze, Magerrasen und kleine Dünen. Militär und Bundesgrenzschutz haben enormeVerdienste an der Vielfalt. Panzer haben Senken ausgehoben und verfestigt, in denen sich Gewässer gebildet haben. Den Pionierteich haben – der Name sagt es – Pioniere ausgehoben. Fünf seltene Libellenarten und der Kammmolch danken es. Von den Militärs gibt es auch kuriose Zeugnisse – beispielsweise den Panzer, durch den eine Birke gewachsen ist.
Derzeit gibt es wieder Eingriffe. Schwere Baumaschinen transportieren Teile für den neuen Flughafenzaun durch das Gelände. Die Zeiten, in denen das für Stress zwischen Airport und Umweltschützern sorgte, sind zumindest vorerst vorbei. Ende Januar schlossen beide Seiten ihren historischen Friedenspakt. Seitdem ist klar geregelt, was der Flughafen darf und wo die Natur zu ihrem Recht kommt. Der Warzenbeißer und der Schachbrettfalter werden es danken.

Von Kai Dordowsky
LN vom 10.10.08
das Foto vom Dr. Ursula Kühn, stellvertretende Chefin des Bereichs Naturschutz, präsentiert den Borstgrasrasen.
Das struppige Gras gilt Ökologen als besonders wertvoll. Foto: ULF-KERSTEN NEELSEN

Banner