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Geschrieben von: LN-Interview Samstag, den 26. September 2009 um 00:00 Uhr

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03.unantastbarNaturschützer Matthias Braun im LN-Interview - Der Lübecker Hafen wird das Dummersdorfer Ufer nicht antasten, glaubt Matthias Braun. Hartnäckig verteidigt er das Schutzgebiet. Lübecker Nachrichten: Herr Braun, Sie feiern ein sehr ungewöhnliches Jubiläum. Vor 25 Jahren wurde das Protestlager von Gegnern

der Hafenerweiterung am Dummersdorfer Ufer von der Polizei geräumt. Auch Sie fanden sich im Polizeipräsidium wieder. Der Protest schien am Ende zu sein. Doch heute steht dort, wo die Bauwagen der Demonstranten standen, eine der bedeutendsten Naturschutzstationen Schleswig-Holsteins. Hat David gegen Goliath gewonnen?

Matthias Braun: Die Niederlage des Naturschutzes am siebten Fähranleger schien damals endgültig zu sein. Aber es war den Mitbürgern nicht zu vermitteln, dass selbst wir jede Hoffnung aufgegeben hatten, selbst Hafenbefürworter äußerten sich so. Als es dann recht schnell um den achten Anleger ging, wuchs der Zorn, und wir kehrten an den Schauplatz zurück; und zwar mit der positiven Idee der Naturschutzstation, von der aus die Naturschutzgebiete um die Travemündung heute betreut werden. Heute betreiben wir eine der größten Naturschutzstationen des Landes.

LN: Man nennt Sie in Lübeck den „Beschützer des Dummersdorfer Ufers“. Wird das Dummersdorfer Ufer auf Dauer zu beschützen sein? Es gibt Begehrlichkeiten, dort neue Fähranleger zu bauen, um den Hafen konkurrenzfähig zu halten.

Braun: Die Begehrlichkeiten gibt es so lange, wie es den Landschaftspflegeverein gibt. Es wurden ja auch in den 70er und 80er Jahren neue Fähranleger gebaut. Doch beim achten Fähranleger war dann Schluss. Das Naturschutzgebiet wurde dann bis an den achten Anleger ausgedehnt. Es ist mittlerweile ein EU-Vogelschutzgebiet und hat damit den höchsten Schutzstatus, denn es in Deutschland gibt. Und das hat ja einen Grund.

LN: Welchen?

Braun: Es gibt klare biologische Kriterien, die diesen Schutzstatus erzwingen. Eine Hafenerweiterung würde auf hohe juristische Hürden stoßen.

LN: Es wären nicht die ersten Gesetzeshürden, die überwunden würden.

Braun: Die Menschen in Lübeck würden das nicht akzeptieren. Eine Hafenerweiterung ins Naturschutzgebiet hinein wäre vor allem auch für die Kücknitzer Mitbürger nicht zu vermitteln. Das Dummersdorfer Ufer ist für sie das Naherholungsgebiet schlechthin. Diese eindrucksvolle Landschaft würde durch neue Fähranleger versaut. Und wir dürfen nicht vergessen: Die Traveförde ist im Bereich der Vogelfluglinie von außerordentlicher Bedeutung. Hier rasten in den Wintermonaten bis zu 90 000 Wasservögel täglich.

LN: Aber Sie können doch nicht sicher sein, dass es diesen Schutzstatus für die Ewigkeit gibt. Es gibt große wirtschaftliche Interessen, den Hafen auszubauen.

Braun: Es gibt immer zwei Positionen im Naturschutz; die eine ist die rechtliche. Da haben wir diese große Sicherheit, die auch Klagerechte von Vereinen und Verbänden zulässt. Die andere Position ist, dass so ein Hafenausbau auch der Bevölkerung vermittelt werden muss. Und wenn ich heute das Hafengebiet mit den großen Leerständen sehe, weiß ich nicht, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, einer Hafenerweiterung das Wort zu reden. Auf dem Container-Terminal in Siems tut sich nichts, und auf dem Skandinavienkai ist aufgrund der Wirtschaftskrise der Umschlag dramatisch eingebrochen.

LN: Wirtschaftskrise hin, Wirtschaftskrise her: Der Boom wird kommen. Der Güterverkehr Richtung Russland wird über kurz oder lang wieder anschwellen. Und der Lübecker Hafen wird eine bedeutende Rolle im Ostseeraum spielen. 2025 soll der Hafenumschlag bei 50 Millionen Tonnen liegen. Das erzwingt doch einen Ausbau.

Braun: Ich halte diese Prognosen für maßlos überzogen. Man weiß doch gar nicht, wie sich die Verkehre entwickeln. Wenn die Fehmarnbeltbrücke fertiggestellt ist, wird Lübeck Güterströme verlieren. Die Brücke wird Verkehr abziehen. Und die Autobahn Richtung Osten wird weiter ausgebaut. Irgendwann geht sie bis Klaipeda. Auch nach Osten werden sich die Güterströme verschieben.

LN: Aus Umweltschutzgründen sollten aber die Gütertransporte von der Straße geholt werden. Da ist wieder der Hafen gefragt.

Braun: Ja, sicher. Aber deshalb muss man ihn ja noch lange nicht „uferlos“ ausbauen. Wichtig ist doch, dass die organisatorischen Abläufe an den Lübecker Hafenkais so optimiert werden, dass der Hafenumschlag schneller vonstatten geht. Dann können auch größere Gütermengen abgewickelt werden, ohne in die Fläche gehen zu müssen. Das geht ja in anderen Häfen auch. Es ist natürlich das Einfachste zu sagen, wir gehen in die Fläche. Dann muss man sich keine Gedanken über intelligentere Lösungen machen.

LN: Sie wollen an den Kais Hochtechnologie-Anlagen, die Ladung rascher löschen und laden?

Braun: Ja. Das ist die Zukunft. In so einem heiklen Gebiet, wie wir es hier in Lübeck haben, muss die Hafenwirtschaft ihre Hausaufgaben machen und sagen, wie sie den Hafen optimieren will.

LN: Aber vor der Wirtschaftskrise wurde es am Skandinavienkai zeitweise schon eng.

Braun: Das sehe ich nicht so. Wenn ich höre, dass Schiffe bis zu 40 Minuten warten müssen, wenn sie den Skandinavienkai verlassen wollen, weil es im Bereich der Travemündung keine Zweispurigkeit gibt, dann kann ich nur lachen. Wir zählen regelmäßig die Schiffe, die in den Hafen rein und aus dem Hafen rausfahren. Es gibt Tage, da fahren die Schiffe im Drei-Minuten-Abstand durch die Hafenenge am Priwall. Von langen Wartezeiten kann keine Rede sein.

LN: Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Reeder ein schwindendes Interesse an der langen Revierfahrt auf der Trave mit teurer Lotsenpflicht haben. Es lohnt sich vermutlich nicht mehr, die Teerhofsinsel als Hafenfläche zu überbauen. Die Reeder fordern den Ausbau des Skandinavienkais.

Braun: Ich finde das Lamento der Reeder lächerlich. Ich glaube nicht, dass für Schiffe, die zwei oder drei Tage unterwegs sind, eine zusätzliche einstündige Revierfahrt zu den innerstädtischen Häfen ein Problem darstellt. Die Reeder stellen Maximalforderungen, um das Optimum für sich zu erreichen.

LN: Wo sehen Sie denn Möglichkeiten, den Lübecker Hafen zu erweitern?

Braun: Man kann den Skandinavienkai baulich verbessern. Beispiel: Die Schiffe legen nicht mehr wie auf der Perlenschnur aufgereiht hintereinander an, sondern man verschwenkt die Hafenbecken ins Landesinnere hinein. Dann ist nicht die Schiffslänge, sondern die Schiffsbreite der entscheidende Punkt.

LN: Und das rettet dann das Dummersdorfer Ufer? Sind Sie wirklich davon überzeugt, dass das Naturschutzgebiet, so wie es jetzt ist, auf Dauer bestehen bleibt?

Braun: Davon bin ich fest überzeugt. Das Naturschutzgebiet Dummersdorfer Ufer wird es auch in 100 Jahren noch geben.

Von Torsten Teichmann
LN vom 26/09/09

Foto:Für den Frühaufsteher Matthias Braun ist das Dummersdorfer Ufer zum Lebensinhalt geworden. Um Viertel nach Fünf beginnt für ihn der Tag mit einer Tasse Türkisch-Mokka. „Dann überlege ich drei Minuten, was der Tag so bringt und danach werden die Hühner gefüttert“, sagt Braun mit einem Lächeln.
Ist die erste Arbeit getan, „wecke ich meine Kinder“. Foto: WOLFGANG MAXWITAT

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