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Geschrieben von: LN Beitrag Sonntag, den 01. März 2009 um 00:00 Uhr

Benutzerbewertung: / 3
SchwachPerfekt 

003.russlandVom Lübecker Hafen aus lassen sich zahlreiche Ostseestädte erreichen. Zum Beispiel St. Petersburg. Das Schiff teilen sich Passagiere mit russischen Lastwagenfahrern. Die LN sind auf der „Translubeca“ mitgefahren.Eine schnarrende Stimme bittet in den Speisesaal: Das Abendessen ist angerichtet. Die Stimme

wiederholt die Ansage auf englisch, dann auf russisch. Vor dem Fenster der Kabine fängt es an zu dämmern, am Horizont gleitet die estnische Insel Dagö allmählich vorüber.
Service: Von Lübeck nach Helsinki, Trelleborg und Riga Abendessen auf der „MS Translubeca“. Wir sind unterwegs von Lübeck nach St. Petersburg. Es gibt Räucherfisch, wahlweise Schnitzel mit Pommes Frites oder Gulasch mit Nudeln, Salat, Nachtisch, dazu Wasser, Tee, Bier oder Wein. Vornehme Abendgarderobe, wie auf Kreuzfahrtschiffen üblich, ist hier fehl am Platz: Viele der Lkw-Fahrer, die an mehreren langen Tischen zusammensitzen, sind ohnehin nur  im T-Shirt da, manche auch in kurzen Hosen. Es sind raue Kerle, in ihrer Nähe riecht es nach Tabak und Arbeit.

61 Stunden dauert die Fahrt. Start ist am Lübecker Lehmannkai, Zwischenstopp in Sassnitz auf Rügen. Nach der dritten Nacht auf See legt die „Translubeca“ in der alten Zarenstadt St. Petersburg an. Seit Mitte Februar setzt die Reederei Finnlines ein zweites Schiff auf der Russland-Route ein, die „Transeuropa“. An Bord gibt es wenig Schnickschnack: ein Tischkicker, zwei Saunen, ein Ergometer, im Sommer ein kleiner Pool an Deck – und eine Bar, in der die russischen Lastwagenfahrer den Ton angeben.

„Ich bin Fahrer seit 32 Jahren“, erzählt Gennady Semenov. Der 53-Jährige bringt mit seiner Scania-Zugmaschine Früchte aus Südeuropa nach Russland. Wenn er die Ware abgeliefert hat, lädt er russisches Bier in seinen Kühlanhänger und bringt es zu russischen Supermärkten in Italien und Frankreich. Semenov mag das Schiff, „das Essen, den Service“. Er genießt diese ruhigen Tage auf See, auf denen er sich vom harten Alltag am Steuer erholt. In Jeans und weißem Polohemd steht er an der Bar, nippt an seinem Bier und wartet mit Barmann Sascha vor dem Fernseher auf eine Nachricht aus Moskau: Wie hat Lokomotive gegen Dynamo gespielt? Das Fußballergebnis ist wichtig für beider Lieblingsverein, Zenit St. Petersburg.

Alexander Loberski (40), den alle nur Sascha nennen, hat als Koch auf der „Translubeca“ angefangen, jetzt ist er Zahlmeister, Barkeeper und Seelentröster bei Tag und Nacht. „Manchmal ist hier eine lustige Party“, erzählt er, „dann feiern hier Lastwagenfahrer und Passagiere gemeinsam.“ Dass es kein Unterhaltungsprogramm an Bord gebe, sei für jene, die mit der Fähre zwischen Lübeck und St. Petersburg fahren, kein Nachteil: „Viele mögen das“, sagt Sascha, „keiner stört sie.“

Die Sonne scheint. Liegestühle gibt es an Deck nicht, nur Ketten und Ringe, um Ladung festzuzurren, wenn die „Translubeca“ vollbeladen ist. Jetzt ist das Deck leer. Nur ein Mitglied der 23-köpfigen Besatzung nutzt das gute Wetter und streicht mit weißer Farbe die Reling auf der Steuerbordseite. „Alles ist aus Eisen, nicht verzinkt“, sagt Kapitän Wolfgang Wanke (57), „die Jungs kommen kaum hinterher, den Rost zu

beseitigen.“ Das Schiff sei aber in sehr gutem Zustand, wiegelt Wanke ab, „dafür dass es 18 Jahre alt ist“. 1990 wurde die „Translubeca“ gebaut. 158 Meter lang, 1900 Lademeter, ordentliche Kabinen für 40 Passagiere. Seit einigen Monaten fährt sie grundrenoviert mit frischem blauen Anstrich durch die Ostsee. Auch Eis würde ihr nichts ausmachen – Eisklasse 1A –, aber diesmal ist der Weg durch den Finnischen Meerbusen frei. Wer die Passage nach Russland bucht, genießt an Bord Vollpension. Die einfache Fahrt ist ab 286 Euro zu haben, Hin- und Rückfahrt kosten zwischen 513 und 1284 Euro pro Person. Das Schiff lässt sich während der Liegezeit in St. Petersburg (je nach Abfahrtstag ein oder zwei Tage) als Hotel nutzen.

Ein bisschen rustikal ist der Start vom Hafen zur Stadtrundfahrt in St. Petersburg: Schroffe Militärs kontrollieren die Pässe, finstere Blicke, eine blonde Offizierin trägt schwarze Highheels zur scharf gebügelten Tarnhose. Nach einer Fahrt durch trostlose, riesige Wohngebiete erreicht man eine schillernde Innenstadt, deren herausgeputzte Einkaufspassagen mit denen in Paris oder New York mithalten können. Eine Stadt der Kontraste: Milliardäre leben neben solchen, die trotz Arbeit mit umgerechnet 60 Euro im Monat auskommen müssen. „Eine Stadt, geplant aus nix“, sagt Stadtführerin Lena (26): St. Petersburg ist 1703 in einem Sumpfgebiet an der Mündung der Newa errichtet
worden. Die Zahl der Sehenswürdigkeiten in der Fünf-Millionen-Stadt ist gewaltig: die Eremitage mit ihrer gewaltigen Sammlung an europäischer Kunst, die Peter-und-Paul-Festung, die Blutkirche oder, 30 Kilometer außerhalb, der frisch sanierte Katharinenpalast mit dem rekonstruierten Bernsteinzimmer.

Zeit für die Erholung nach einer anstrengenden Stadtbesichtigung ist auf der Rückfahrt genug: 61 Stunden Seefahrt in Richtung Lübeck bieten viel Gelegenheit für Müßiggang und das Lesen dicker Bücher. „Man hat seine Ruhe“, bestätigt Kapitän Wanke und lacht. „Und es gibt immer schöne Sonnenuntergänge.“

Von Lars Fetköter
01/03/09
Foto: Kräne und Docks, so weit das Auge reicht: Von der Brücke der „Translubeca“ aus bietet sich ein imposanter Blick auf den Hafen von St. Petersburg. Foto: Dirk Hourticolon

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