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Geschrieben von: LN-Interview Sonntag, den 24. Januar 2010 um 01:38 Uhr

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13.1.hl_vergrault_investoreDie Baubranche drängt Lübeck zur Eile und fragt kritisch: Wo bleibt das Konjunktur- programm? Obermeister Möller wirft der Kommunalpolitik vor, wichtige Projekte für die Hansestadt zu zerreden.Lübecker Nachrichten: Wie geht’s Lübecks Baubranche?   Bertold Möller: Wenn Sie sich die derzeitige Situation angucken, haben wir im neuen Jahr dauerhaft Frost. Das heißt: Drei Wochen Produktion gehen uns bereits in 2010 verloren.LN: Frostige Stimmung? Möller: Nicht nur wegen des Wetters. Der Lübecker Bau wartet auf das Konjunkturprogramm.  LN: Das wurde vor einem Jahr aufgelegt. Ist es in Lübeck immer noch nicht angekommen? Möller: Zumindest ist es bei der Lübecker Baubranche nicht angekommen. Wir haben vom Konjunkturprogramm noch nichts gemerkt. Die ersten Ausschreibungen soll es jetzt im Frühjahr geben, so dass wir möglicherweise in eine sehr heiße Phase kommen, um das alles abzuarbeiten. Denn das Geld des Konjunkturprogramms steht nicht ewig zur Verfügung, muss fristgerecht ausgegeben werden.

LN: Warum dauert das in Lübeck so lange?
Möller: Da müssen Sie mich doch nicht fragen. Wir haben mehrfach versucht, klarzustellen, dass wir alle auf diese Aufträge warten. Aber die Lübecker Verwaltung braucht offensichtlich länger. Die entsprechenden Lübecker Anträge sind recht spät in Kiel eingereicht worden.

13.hl_vergrault_investorenLN: Andere Städte waren deutlich schneller als Lübeck . . .
Möller: Wir vom Handwerk warten dringend auf die Ausschreibung und auf die Vergabe von Aufträgen und damit auf die Arbeit. Die Verwaltung sollte schnellstens aus dem Knick kommen; und auch die Politik sollte das schnell abnicken. Ganz wichtig ist aber auch, dass das neue Vergaberecht angewendet wird.

LN: Fürchten Sie, dass die heimische Wirtschaft bei kommunalen Bauaufträgen leer ausgeht?
Möller: Früher hat sich Lübeck bei der Vergabe von Bauaufträgen dahinter versteckt, dass das Vergaberecht eine Bevorzugung heimischer Betriebe nicht zulasse. Das ist mit dem neuen Recht ganz anders. Eine Stadt wie Lübeck kann jetzt viel freihändiger Aufträge von einer Größenordnung bis zu 100 000 Euro an örtliche Bauunternehmen vergeben. Bei beschränkten Ausschreibungen ist die Obergrenze eine Million Euro. Das sind für unsere Handwerker sehr schöne Aufträge. Das neue Recht erlaubt, solche Aufträge nur für Lübecker Firmen auszuschreiben.

LN: In der Vergangenheit sah man auf vielen Baustellen in Lübeck auswärtige Firmen. Hat sich das geändert?
Möller: Man sieht jetzt schon mehr Lübecker Firmen; früher sah man gar keine. Im Hochbau wehen schon wieder mehr Lübecker Fahnen an den Kränen. Offensichtlich haben auch die Wohnungsbaugesellschaften nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit Baupartnern aus anderen Regionen gemacht.

LN: Aber es liegt ja nicht am Winter, dass so viele Großprojekte in Lübeck auf Eis liegen. Was wird eigentlich aus dem Gewerbepark neben dem Flughafen?

Möller: Der Gewerbepark in Blankensee sollte bereits vor 15 Jahren auf zehn Hektar nördlich des Ausbildungsparks und südlich vom Flughafengelände entwickelt werden. Man hat in Lübeck dafür fünf Bebauungspläne erstellt, die alle für die Tonne waren. Dass das so ist, hängt mit der Lübecker Politik zusammen.

LN: Wieso?
Möller: Die Bürgerschaft verändert ständig die Vorgaben für die KWL, die für die Entwicklung solcher Baugebiete zuständig ist. So werden Planungen schlichtweg verhindert. Das gleiche erleben wir jetzt beim Ikea-Projekt. Ein Gutachten ist da nicht genug. In unserer heimischen Politik meint offensichtlich jeder, es besser zu wissen.

LN: Sie fordern von der Lübecker Politik Entscheidungen mit längerer Haltbarkeitsdauer?
Möller: Ganz genau. Wir brauchen Planungssicherheit. Die Lübecker Politik diskutiert über Tausende von Dingen, wirft Planungen ständig um, zerredet Entwicklungen wie beim Flughafen. Was dabei herauskommt, sind bestenfalls Teillösungen. Aber das, was gemacht werden muss, wird nicht angepackt.

LN: Glauben Sie, dass sich an der Lübecker Politik grundsätzlich etwas ändern wird?

Möller: Gucken Sie sich doch das Gehacke an. Wir haben in der Bürgerschaft keine klaren Mehrheiten. Irgendwelche Fraktionen finden zu irgendwelchen Sachthemen zusammen. Aber zu ihrem Recht kommen nur die Profilneurosen der einzelnen Kommunalpolitiker. Viele Politiker sind nur deshalb gegen etwas, weil andere dafür sind. Wer Projekte so diskutiert, vergrault Investoren.

LN: Was für Aufträge erhofft sich das Baugewerbe vom Konjunkturprogramm?
Möller: Damit könnten Auftragswerte von 20 bis 30 Millionen Euro losgetreten werden. Und es gäbe die Hoffnung auf Zusatzaufträge aus der Wirtschaft in Millionenhöhe.

LN: Sind Lübecker Baufirmen durch die Wirtschaftskrise in ihrer Existenz bedroht?
Möller: Das sehe ich momentan nicht. Wegen des Winters liegt natürlich der Tiefbau völlig platt. Was noch ein bisschen läuft, ist das Zimmerer-Handwerk. Nur hängen alle voneinander ab. Wenn Hoch- und Tiefbau ruhen, kann auch der Fliesenleger irgendwann nicht arbeiten. Selbst wenn die Ausbaugewerke im Moment noch Arbeit haben, wenn Tiefbau und Hochbau nichts produzieren, fehlt später der Anschluss.

LN: Vor anderthalb Jahren hat die Lübecker Baugewerbeinnung die Kampagne „Wertarbeit“ gestartet, um die Leistungsfähigkeit des Handwerks ins Blickfeld zu rücken. Zeigt die Kampagne Wirkung?
Möller: Ja. Diese Kampagne soll ja nach innen und außen wirken. Nach innen signalisiert sie den Betrieben hochqualitative Wertarbeit abzuliefern, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Wir müssen uns nicht zuletzt wegen der hohen Lohnnebenkosten teurer verkaufen als die Schwarzarbeiter. Deshalb müssen wir beweisen, dass wir die bessere Arbeit abliefern. Nach draußen macht die Kampagne den Kunden deutlich: Wenn du einem Innungsbetrieb Aufträge erteilst, kannst du sicher sein, dass dort die Lehrlinge vernünftig ausgebildet, und die Gesellen regelmäßig nachgeschult werden. Gleiches gilt auch für die Unternehmer. Wir machen mindestens einmal im Jahr drei bis vier große Schulungsseminare. Ziel: Der Gute soll noch besser werden.

LN: Wie groß ist derzeit das Auftragspolster der Baufirmen?
Möller: Bei den meisten Firmen vier bis sechs Wochen.


Von Torsten Teichmann
ln-online/lokales vom 24.01.2010 00:00
Foto:Bertold Möller ist bekannt dafür, dass er mit kräftigen Worten des öfteren aneckt. Ihn stört das nicht. Der Schlutuper Bauunternehmer engagiert sich seit vielen Jahren für das Handwerk. Ein morgendliches Ritual ging dabei nicht verloren. Um kurz nach fünf steht Möller jeden Tag auf und macht Frühstück für sich und
seine Frau Magdalena. Foto: WOLFGANG MAXWITAT

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