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Geschrieben von: LN Beitrag Montag, den 18. Januar 2010 um 00:00 Uhr

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07.kulturhauptstadt_traumWas ist geblieben von Lübecks Kulturhauptstadt-Traum? Mit zwölf Projekten bewarb Lübeck sich um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010". Was ist aus diesen Projekten geworden? Eine Bestandsaufnahme. Im März 2004 stellte Kultursenatorin Annette Borns (SPD) Lübecks Kulturhauptstadt-Bewerbung auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin vor. Viel Geschichte, viel Ostseeraum,
viel Mann, Grass, Brandt – und zwölf Projekte. „Alle Projekte, die wir hier vorstellen", sagte sie damals, „werden auf jeden Fall stattfinden – ob Lübeck Kulturhauptstadt wird oder nicht." Was ist aus diesem Versprechen geworden?

Projekt 1: Franz-Tunder-Orgelwettbewerb. Das Dezimalsystem meinte es nicht gut mit dem Marienorganisten Franz Tunder* (1614-1667). Wäre er vier Jahre früher zur Welt gekommen oder sieben Jahre früher gestorben – dann hätte es 2010 ein Jubiläumsjahr gegeben und sicher auch einen Franz-Tunder-Orgelwettbewerb. Er musste sich aber seinem Nachfolger Dieterich Buxtehude (ca. 1637-1707) geschlagen geben. Der hatte 2007 seinen 300. Todestag. Seitdem gibt es in Lübeck einen Buxtehude-Orgelwettbewerb.

Projekt 2: Model United Nations of Lübeck. Jährlich organisieren Schüler der Thomas-Mann-Schule einen inernationalen Kongress, auf dem Jugendliche die Generalversammlung der Vereinten Nationen simulieren. Gab's schon damals, gibt's noch immer.

Projekt 3: Die großen Stadtrepubliken des europäischen Mittelalters. Die große, gemeinsame Ausstellung von Lübeck, Venedig und Nowgorod mit Alltagsgegenständen, Kunst, Schmuck, Waffen – gestorben, beerdigt, vergessen.

Projekt 4: Verführung und Untergang: „Der blaue Engel". Heinrich Manns Roman „Professor Unrat" (verfilmt als „Der blaue Engel") sollte Grundlage eines internationalen Theaterfestivals mit Autorenwettbewerb sein. Aber am Ende ging es so aus, wie es immer ausgegangen ist: Heinrich Mann zog gegen seinen kleinen Bruder Thomas den Kürzeren. Seit der Spielzeit 2007/2008 läuft am Theater das Projekt „Wagner-trifft-Mann", und da braucht es nicht einmal mehr einen Vornamen, um zu wissen, welcher der Mann-Brüder gemeint ist.

Projekt 5: Thomas Mann und Günter Grass – Literatur um das Mare Balticum. Ein Literaturhaus, angebaut an das Buddenbrookhaus, als kultureller Brückenschlag nach Osten. Schöne Idee, aber wohl ein bisschen zu schön. „Darüber haben wir nicht weiter nachgedacht", sagt Hans Wißkirchen, Leiter der Kulturstiftung der Hansestadt Lübeck. Über einen Anbau für das Buddenbrookhaus allerdings denke man unabhängig davon intensiv nach.

Projekt 6: eLearning@FH Lübeck. Die Fachhochschule bietet den Online-Studiengang „Transregional Management" an. Gab's schon damals, gibt's noch immer.

Projekt 7: Projekt Subkultur. Was macht man aus 700 Quadratmetern dunklen, muffigen Raums in einem bombensicheren Betonklotz aus dem Zweiten Weltkrieg? Eine „generations- und länderübergreifende Begegnungsstätte für Künstler und Kulturschaffende jeder Sparte". Das war so die Idee für den Aalhof-Bunker An der Mauer, Ecke Hüxterdamm. Ein „Subkultur"-Zentrum mit Probenräumen, Galerien, Veranstaltungsräumen. Die Kosten für den Ausbau, schreibt der städtische Kulturreferent Holger Walter per E-Mail, seien gesichert gewesen, ein Umbaukonzept habe vorgelegen. Nur die Kosten für den laufenden Betrieb, die habe niemand tragen wollen. Jetzt wartet der Bunker auf seinen Abriss.

Projekt 8: Commusica. Noch ein internationales Festival: diesmal für religiöse Musik, alle zwei Jahre. Beim Kirchenkreis erinnert sich niemand mehr an diesen Plan – worauf Bernd Schwarze, Pastor an St. Marien und St. Petri, verwundert reagiert. Er hatte damals die Idee. Heute schreibt er per E-Mail: „Ohne den Schwung einer Kulturstadt-Trophäe habe ich aber keine Möglichkeit gesehen, das Projekt auf den Weg zu bringen."

Projekt 9: HanseWelt – Lübecks Tor zum Mittelalter. Das teure, inzwischen besser unter dem Namen „Hansemuseum" bekannte Projekt ist nicht totzukriegen. Anfang 2008 legte die Stadt ein Konzept für eine „historische Erlebniswelt" im Burgkloster vor. Ende 2008 stellte die Possehl-Stiftung 14 Millionen Euro dafür in Aussicht. Fehlten noch gut zehn Millionen. Die hoffte die Stadt aus dem Welterbe-Topf der Bundesregierung zu bekommen – leider vergebens. Jetzt ist wieder Bewegung in die Sache gekommen: Die Stadt hat bei der Landesregierung einen Antrag auf zehn Millionen Euro aus dem „Zukunftsprogramm Wirtschaft" gestellt. Mit einer Entscheidung wird für das Frühjahr gerechnet.

Projekt 10: hanse crossover 2010. Eine Kassette mit 40 Kunstwerken aus 40 Hansestädten, die auf Reisen geht. Die Idee, teilt Kulturreferent Holger Walter mit, finde sich seit 2007 bei den jährlichen „Hansetagen der Neuzeit" wieder: Die „hanse-art" präsentiert zu einem vorgegebenen Thema Künstler aus den etwa 160 Hansestädten. Eine Jury entscheidet, was gezeigt wird.

Projekt 11: Lübecker Triennale der Nordischen Kunst. Eine große Kunstausstellung alle drei Jahre, vergleichbar den Nordischen Filmtagen – gestorben, beerdigt, vergessen.

Projekt 12: Hansetrip ins Kinderkloster. Gab's schon damals, gibt's noch immer: Auf dem Bauspielplatz Roter Hahn bauen Kinder und Jugendliche unter Anleitung eine mittelalterliche Klosteranlage nach.

Bilanz: Projekte, die es schon zur Zeit der Bewerbung gab: 3

Projekte, die unter anderem Namen verwirklicht wurden: 1

Projekte, die teilweise verwirklicht wurden: 1

Projekte, die noch in der Diskussion sind: 1

Projekte, die im Koma liegen oder schon beerdigt sind: 6

Von Hanno Kabel

Ln-online/lokales vom 18.01.2010 00:00:08
Foto: Im Zeichen des Holstentors kündigte Lübeck unter anderem ein Kulturzentrum im Bunker an.
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