Diese Website empfehlen:

letzte Kommentare

RSS

Geschrieben von: LN-Interview Sonntag, den 28. März 2010 um 00:00 Uhr

Benutzerbewertung: / 3
SchwachPerfekt 
014.senatorNach zehn Jahren scheidet Wolfgang Halbedel (CDU) als Senator für Wirtschaft und Soziales aus. Zum Abschied redet er noch einmal Tacheles.Lübecker Nachrichten: Ihr Nachfolger steht jetzt fest. Haben Sie einen Tipp für Herrn Schindler?Wolfgang Halbedel: Immer offen und ehrlich sein. Mit allen reden und alles objektiv betrachten – ohne ideologische Scheuklappen.LN: Sie sind 2000 durch einen Coup ins Amt gekommen.
Hat Ihnen das eher geschadet oder genutzt?Halbedel: Es hat mir eigentlich mehr genutzt. Weil ich damit das Vertrauen der anderen Fraktionen gewonnen habe, und auch die CDU nach einigen Monaten einsehen musste, dass ich doch nicht so böse bin, wie einige geglaubt haben.

LN: Wer hatte den Coup denn eingefädelt?

Halbedel: Da ich ja nicht daran beteiligt war, habe ich erst im Nachhinein erfahren, dass führende Leute der SPD und der Grünen beteiligt waren, aber auch einige aus der CDU.

LN: Sie waren Berufsschullehrer. Einige haben Ihnen den Job nicht zugetraut.

Halbedel: Ich war über Jahre wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU, war Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses, war fast zwei Jahre ehrenamtlicher Wirtschaftssenator, war auch schon ehrenamtlich Travemünde-Senator, Fremdenverkehrssenator, Sportsenator. Da hatte ich die nötige Erfahrung. Im Sozialbereich hatte ich allerdings meine Schwächen, aber man hat mir das zugetraut. Ich war in Lübeck nicht unbekannt, saß auch lange Zeit in der Bürgerschaft und hatte Einblicke in den sozialen Bereich.

LN: Senator – war das eigentlich Ihr Traumjob?

Halbedel: Ehrenamtlicher Wirtschaftssenator – das war mein Traumjob. Hauptamtlicher Senator hat aber den Vorteil, dass man sich voll und ganz auf die Aufgaben konzentrieren kann, mehr Zeit hat und mehr bewirken kann. Es ist ein toller Beruf. Wenn ich wieder auf die Welt käme, würde ich wohl von Anfang an den hauptamtlichen Senator anstreben.

LN: Zehn Jahre waren Sie Senator. Was sind Ihre wichtigsten Projekte?

Halbedel: Mein Schwerpunkt lag auf Travemünde – mit dem Hafen und dem Tourismus. Das leerstehende Casino habe ich verkaufen können. Jetzt ist es ein Fünf-Sterne-Hotel, und Columbia will es erweitern. Da habe ich auch den Streit mit der Eselswiese schlichten können. Der Strandbahnhof, das Arosa Hotel, der Kreuzfahrtterminal gehören dazu, Aktien habe ich auch bei Priwall Waterfront. Im Tourismus habe ich für neue Strukturen gesorgt, die neue Gesellschaft aufgebaut – gegen endlos viele Widerstände.

LN: Was noch?

Halbedel: Bei dem Umbau des Hafenamtes zur Lübeck Port Authority habe ich mitgewirkt. Hafenausbau ist ein großes Thema von mir gewesen. Der Verkauf der Sana-Klinik – damals mit CDU und Grünen – ist für mich das Beispiel einer absolut geglückten Privatisierung. Und natürlich der Flughafen. Ich sehe im Airport das größte Wachstumspotenzial, das Lübeck hat. Für die Region ist er wichtig, für die Lübecker ist er wichtig.

LN: Wird der Bürgerentscheid positiv ausfallen?

Halbedel: Daran glaube ich fest. Denn viele, die von Blankensee geflogen sind, sind motiviert, am 25. April zur Abstimmung zu gehen. Anders als Bürger, die nur so dagegen sind, weil ein Herrn Thieß oder irgendeine Partei ihnen das sagt.

LN: Was wird aus dem Aqua Top, aus Waterfront?

Halbedel: Beim Aqua Top bin ich sicher, dass es in diesem Jahr abgerissen wird. Bei Waterfront bin ich hingegen skeptisch, weil die Gegner immer neue Forderungen stellen, um das Projekt zu verhindern. Nur sie sagen nicht offen und ehrlich, dass sie es nicht wollen. Waterfront ist eines der wichtigsten Projekte, den Priwall würde es wieder 60 Jahre zurückwerfen, wenn es nicht kommt.

LN: Gibt es eine Entscheidung, die Sie bereuen?

Halbedel: Ja, der Herrentunnel – und dass wir dabei auf die Maut eingegangen sind. Das war die größte Fehlentscheidung meines politischen Lebens. Das war zwar vor meiner Zeit als Senator, aber das würde ich nie wieder machen. Ich kann nur hoffen, dass die Bürger weiter kämpfen und der Bund den Tunnel und die Maut zurücknimmt.

LN: Im sozialen Bereich – was hat Ihnen dort besonders am Herzen gelegen?

Halbedel: Die Kundenbetreuung zu verbessern. Als ich anfing, gab es fünf Bereiche, die ich zusammengeführt habe zur Sozialen Sicherung, was den Kunden Wege erspart. Früher saßen die Menschen auf den Gängen, waren sauer, weil sie ewig warten mussten. Heute haben wir eine Empfangshalle, einen Infostand, die Kunden ziehen Nummern. Früher hatten wir hier viele Aggressionen, das hat sich wesentlich verbessert. Die Arge haben wir aufgebaut.

LN: Außerdem?

Halbedel: Meine Kraft habe ich in die Integrationspolitik gesteckt, damit die fast 40 000 Lübecker mit Migrationshintergrund besser integriert werden. Das Gleiche gilt für die Behinderten, das sind auch 25 000. Für die freien sozialen Träger habe ich erreicht, dass sie trotz der Kürzungen Fünf-Jahres-Verträge bekommen, damit sie besser planen können. Ab 2011 werden die Kürzungen aufgehoben, so dass die Träger das Geld von 2005 wieder bekommen – das sind insgesamt 250 000 Euro. Das ist viel Geld für sie.

LN: Lübecks Themen wiederholen sich immer – Preiserhöhung Priwallfähre, MuK-Verkauf, Spardruck – wird das nicht langweilig?

Halbedel: Nein, denn die Umstände und die Personen sind immer wieder andere. Langweilig wird es nicht, aber es kann nervig werden, wenn man 20 Jahre an einer Sache arbeitet, und es bewegt sich wenig. Dann lässt die Energie ein bisschen nach. Aber der Kampf lohnt sich dennoch.

LN: Sie wurden auch angegangen und kritisiert – von politischen Gegnern und Bürgern. Verletzt so etwas?

Halbedel: Nein. Man schießt bei den politischen Gegnern ja auch mal zurück, aber danach haben wir uns immer wieder vertragen. Die Kritik der Bürger muss man abkönnen. Wenn man so lange dabei ist wie ich, dann hat man auch ein breites Kreuz. Mit jeder Entscheidung werden immer Leute getroffen, die Nachteile haben. Dass die sich wehren, ist ihr gutes Recht.

LN: Wie hat sich die Stadt in den zehn Jahren verändert aus Ihrer Sicht?

Halbedel: Was Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) und ich geschafft haben, ist, dass wir das Investitionsklima in dieser Stadt erheblich verbessert haben. Wir haben den Neubau am Markt umgesetzt gegen Widerstände, das Kanzleigebäude umgebaut, haben Firmen nach Lübeck geholt. Das steht jetzt wieder auf der Kippe, weil die neue Bürgerschaft in den letzten zwei Jahren wieder bei Adam und Eva anfängt und alles neu diskutiert. Lübecks Image nach außen hat sich wesentlich verbessert – durch Sand World, Ice World, das Marketing. Die Tourismuszahlen sind super, auch das soziale Klima hat sich verbessert.

LN: Sie haben als CDU-Mann mit einem SPD-Bürgermeister zusammen gearbeitet. Ihr Fazit?

Halbedel: Saxe ist ein guter Bürgermeister für Lübeck. Ich hoffe, dass er es noch einige Jahre bleiben wird.

LN: Was nervte Sie an Ihrem Job?

Halbedel: Mich nervten an meinem Job die ständigen Auseinandersetzungen mit der Stadtplanung. Hier ist die Investitionsfreundlichkeit noch nicht angekommen. Man kann für oder gegen die Gosch-Markthalle in Travemünde sein – aber dann soll man seinen Standpunkt ganz klar sagen. Man kann aber nicht dieses Spiel mit den Investoren treiben, in dem man die Halle immer wieder fünf Meter vor und fünf Meter zurück verlegt – und dann wieder einen anderen Standort ins Spiel bringt. Das macht kein Investor lange mit. Dafür gibt es endlos viele Beispiele. Dann lieber klare Kante zeigen – und Ja oder Nein sagen.

LN: Gibt es einen Termin, den Sie gerne geschwänzt hätten?

Halbedel: Ja, den 31. Dezember 2003. Da musste ich das Aqua Top schließen, das ich 1991 als Travemünde-Senator eröffnet hatte.

LN: Ihr schönstes Erlebnis in zehn Jahren Senator?

Halbedel: Die tägliche Zusammenarbeit mit meinen engagierten Mitarbeitern, allen voran mit meiner Assistentin Britta Leihe.

LN: Wie viel Zeit hatten Sie für Ihr Privatleben?

Halbedel: Wenig. Unter 60 Stunden in der Woche habe ich nicht gearbeitet, und meist dann auch am Wochenende.

LN: Was machen Sie jetzt mit der vielen freien Zeit?

Halbedel: Lesen und reisen. Außerdem habe ich auch noch so viele Bilder, Videos und und und, die ich alle ordnen muss. Um das Füllen meiner Freizeit mache ich mir keine Gedanken.

Interview: J. v. Zastrow

ln-online/lokales vom 28.03.2010 00:00
Foto: Die Arbeit ist sein Leben: Wolfgang Halbedel empfängt die LN auch an seinem 65. Geburtstag. Auf dem Tisch stand frischer Kuchen – von den Frauenverbänden. Foto: MAXWITAT
Banner