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Geschrieben von: LN-Interview Montag, den 05. April 2010 um 00:00 Uhr

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02.langenachtSonntagsinterview: Kirchen attraktiver machen: Im Juni gibt es in Lübeck erstmals eine lange „Nacht der Kirchen". Pastor von Kiedrowski erklärt das Warum. Lübecker Nachrichten: Im Sommer soll es die erste „Nacht der Kirchen" in Lübeck geben. Wann genau? Heiko von Kiedrowski: Am Sonnabend, 26. Juni. LN: Warum genau dieser Termin? An dem Tag läuft das Achtelfinale der Fußballweltmeisterschaft – das könnte viele Leute an den heimischen Fernseher binden . . .

Von Kiedrowski: Das war ein kleiner Schreck, als der WM- Spielplan veröffentlicht wurde. Aber weil sich auch Kirchenmenschen für die WM begeistern können, bieten einige Gemeinden „Public Viewing" in ihrem Programm an. Der 26. Juni ist ein Kompromiss; er passt zum Beispiel organisatorisch am besten in den Jahreskreis der Gemeindearbeit hinein; und der Tag liegt noch vor den Ferien. Es gibt aber auch einen theologischen Bezug – so ist die Johannis-Nacht als kürzeste Nacht des Jahres zwei Tage vorher sozusagen der „Gegenpol" zu Weihnachten.

LN: Was können die Besucher an diesem Abend erwarten?
Von Kiedrowski: So vielschichtig wie die Gemeinden sind, wird auch das Programm werden. Wir wollen den Reichtum von Kirche in Lübeck zeigen. Unter dem Motto „Auf den Spuren Johannes des Täufers" bieten zum Beispiel fünf evangelische Innenstadtkirchen Musik, Aktionen, Predigten und Gespräche an. Es wird aber auch – wie bereits erwähnt – gemeinsames Fußball gucken geben, den Treffpunkt am Grillstand oder Musik verschiedenster Stilrichtungen. Von „intellektuell anspruchsvoll" bis zu „rein gesellig" wird wohl alles dabei sein. In vielen Gemeinden wird noch heftig organisiert. Das Programm soll aber an allen Orten so kleinteilig gestaltet sein, dass die Leute nicht nur gern kommen, sondern zwischendurch auch wieder gehen können. Man kann also an dem Abend mehrere Kirchen in Lübeck kennenlernen.

b>LN: Haben Sie schon eine Rückmeldung über die Zahl der beteiligten Gemeinden?
von Kiedrowski: Nach jetzigem Stand werden über 30 Kirchen mitmachen, ein Drittel davon gehört nicht zu den beiden großen Kirchen – evangelisch und katholisch. Das ist ein hoher Anteil, worüber ich mich sehr freue.

LN: Und um wie viel Uhr wird es am 26. Juni losgehen?
von Kiedrowski: Mit dem 18-Uhr-Läuten beginnt die ökumenische „Nacht der Kirchen", und um Mitternacht ist dann Schluss. Einige Gemeinden werden früher beginnen, um speziell Familien mit Kindern am Nachmittag ansprechen zu können.

LN: Sie wurden von den verschiedenen christlichen Kirchen als Koordinator des Projektes ausgewählt. Warum?
Von Kiedrowski: Bevor ich vor drei Jahren in Lübeck die Kirche St. Martin übernommen habe, hatte ich unter anderem eine Projektstelle im Kirchenkreis Alt-Hamburg. Meine damalige Aufgabe: Ich sollte Werbung für ein großes Reformationsjubiläum machen. Da stießen wir beim Brainstorming auf die erste „Nacht der Kirchen" in Hannover und beschlossen, so etwas machen wir in Hamburg auch. Das war 2004 mit 26 000 Besuchern. Mittlerweile beteiligen sich in Hamburg rund 140 Kirchen aus dem gesamten Stadtgebiet, und die Besucherzahl liegt um die 60 000.

LN: Haben Sie also die Idee mit nach Lübeck gebracht?
Von Kiedrowski: Nein. Die Initiative ging von der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen" aus. Da ist der erste Schritt getan worden mit dem Ziel „Wir wollen so etwas auch mal in Lübeck probieren". Wie ich erfahren habe, kursiert die Idee aber schon seit einigen Jahren. Treibende Kraft auf evangelischer Seite war Pröpstin Petra Kallies, die ja aus der Gemeindearbeit kommt und die sich mit diesem Projekt gänzlich identifizieren konnte.

LN: Der ersten soll die zweite „Nacht der Kirchen" folgen?
Von Kiedrowski: Das hoffen wir. Die „Nacht der Kirchen" hat das Zeug dazu, Tradition zu werden.

LN: Erhoffen Sie sich von der Aktion neben einem „Spaß-Effekt" auch einen Nachhaltigkeitseffekt für die Kirche, zum Beispiel mehr Gottesdienstbesucher?
Von Kiedrowski: Wer beim Gottesdienstbesuch stets auf die Besucherzahlen schielt, guckt für mich in die falsche Richtung. Ich würde mir wünschen, dass die Leute, die ansonsten noch nie oder vor langer Zeit in der Kirche waren, aber zum Beispiel in der direkten Nachbarschaft wohnen, einfach mal bei uns vorbeischauen. Uns wahrnehmen. Wir möchten am 26. Juni Raum für Begegnungen schaffen. Was daraus erwächst, weiß man nicht. Es ist ein offenes Angebot. Wir wollen immer wieder die Tür aufmachen und die Menschen zu uns einladen.

LN: Sie sind ja auch Werbefachmann – welche anderen Wege könnte man gehen, um die Kirche wieder für mehr Menschen interessanter zu machen?
Von Kiedrowski: Da gibt es eine Menge, wie unsere Botschaft von Jesus Christus weiter getragen werden kann. Zum Beispiel „Das Wort zum Sonntag", der Kindergarten, der Kinderchor, die Seniorennachmittage, die Gespräche mit Trauernden und so weiter. Der Gottesdienst kann bei allen Bemühungen nur immer ein Mosaiksteinchen sein. Ein neues Format kann hier aber auch aufhorchen lassen. So feiern wir in St. Martin beispielsweise den Ostergottesdienst morgens um 4.35 Uhr. Wir fangen in der dunklen Kirche an, und dann wird es mit der Zeit heller, als Zeichen für das Osterlicht. Zudem taufe ich die Konfirmanden. Unsere Botschaft hat sich über die Jahrhunderte nicht verändert, aber die Menschen, so dass wir sie anders gewinnen müssen als nur mit einem 10-Uhr-Gottesdienst.

LN: Welche Botschaft ist Ihnen denn zu Ostern am wichtigsten?
Von Kiedrowski: Für meine Arbeit als Pastor sind Beerdigungen ein wichtiger Teil. Das ist aber nur erträglich, weil ich durch Ostern darauf vertrauen kann, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich glaube fest daran, dass es etwas gibt, was wir Menschen nicht komplett fassen können. Das ist die Liebe Gottes, die Hoffnung, die uns leben lässt. Und Ostern ist immer wie ein neues Schulheft. Es gibt Fehler, die man begeht, es gibt Trauer, Abschied – aber mit der Auferstehung auch immer wieder den Neuanfang für uns.

Interview: Michael Hollinde
ln-online/lokales vom 05.04.2010 00:00
Foto: Hamburg.de
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