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Geschrieben von: LN Beitrag Samstag, den 10. April 2010 um 00:00 Uhr

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15.eisbergIn der Overbeck-Gesellschaft dokumentieren zwei New Yorker Künstler mit fantastischen Belegen ein Kapitel Lübecker Historie: den Winter der „Eisbergfreistadt". Es war im Spätherbst des Jahres 1923 – die Älteren werden sich erinnern –, dass in der Lübecker Bucht ein riesiger Eisberg strandete. Er war – als Ergebnis globaler Erwärmung – an der grönländischen Küste abgebrochen und durch Skagerrak
und Kattegat geschwemmt worden. Von der Altstadt aus war er zu sehen – die blendend weiße Spitze überragte alle Kirchtürme. Die Menschen in Travemünde und Scharbeutz ängstigten sich, sie fürchteten eine Katastrophe.
Doch die Lübecker Kaufleute erkannten das touristische und wirtschaftliche Potenzial des Ungetüms. Sie „erklärten den Eisberg zu einer Freihandelszone, die sie ,Eisbergfreistadt' nannten", stand damals in der lokalen Zeitung. Man hoffte, eine Finanzoase wie die Isle of Man zu gewinnen und ein Amüsierrevier mit Eissegeln, Bergsteigen und mondänen Festen in den Eishöhlen.
Es wurde Notgeld gedruckt, auf dem zwar „Mark" stand, das aber eine eigene Währung darstellte, mit der auf den Devisenmärkten spekuliert wurde. Sie geriet allerdings schnell in den Strudel der Hyperinflation, die in jenem Jahr Deutschland erfasst hatte, es war bald billiger mit den Billionen- Scheinen zu heizen statt mit Holz.
Um all das zu erzählen und die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Eisbergfreistadt in einer Ausstellung zu dokumentieren, mussten sich zwei Künstler, die in der Nähe von New York leben, nach Lübeck aufmachen, Fotos, Zeitungsartikel, Inflationsbanknoten und andere Artefakte sammeln und sichten: Richard Selesnick und Nicholas Kahn, beide 1964 geboren. Die sensationellen Ergebnisse ihrer Forschung sind jetzt im Pavillon der Lübecker Overbeckgesellschaft zu sehen.
Zum Beispiel kleine Eisberge und Eisbären aus Marzipan, die das Süßwarenunternehmen Niederegger im Winter 1923 anfertigte; oder Masken und Kostüme mit Bezug zum Polarkreis, die bei einem Fest zur Gründung der Bank von Eisbergfreiheit getragen wurden. Kahn und Selesnick erfuhren aus den Dokumenten, dass in jener Zeit mach dem Ersten Weltkrieg nicht nur die soziale Not besonders groß war, sondern auch die Produktivität der Künstlern. Mitglieder des Künstlerbundes „Gläserne Kette" entwarfen Städte aus Eis und formulierten Manifeste im Namen einer imaginären sozialistischen Regierung des Eisbergs. Der Itzehoer Grafiker Wenzel Hablik* gestaltete einige Scheine des Notgeldes.
War das alles Realität oder ein Albtraum? „Von beidem ein bisschen", sagt Nicholas Kahn, der zum Aufbau der Ausstellung nach Lübeck gekommen ist. Natürlich ist der Eisberg Fiktion. Die Fotos, die von ihm erzählen, sind zum Teil digitale Montagen, die wie in einem Traum verwandelte Stadtansichten zeigen, die Objekte sind Fälschungen und Kunststücke. Doch sie haben eine reale Basis.
Kahn, ein dünner Mann in Jeans und modischen Converse-Sneakers, bekennt, dass das Szenario auf heute verweist. Auf die Unsicherheit der ökonomischen Verhältnisse, die Spekulationswut der Finanzwelt, natürlich auch auf ökologische Instabilität. Und warum musste die Vision in Lübeck spielen? „Weil wir hier diese expressionistische 20er-Jahre-Atmosphäre vorgefunden haben", sagt Khan, „die in den USA gerade ein Revival erlebt, die glamourös und etwas unheimlich, aber für die Kunst ergiebig war." „Weimar-Feeling" nennt er das.
Zu sehen ist die Ausstellung im Pavillon im Behnhausgarten (Königstraße 11); Eröffnung: 11. April, 17 Uhr; bis 30. Mai
Von Michael Berger
ln-online/lokales vom 10.04.2010 00:00
Foto: So soll es ausgesehen haben, als ein riesiger Eisberg 1923 vor Lübeck schwamm. Die Kulkahn Ausstellung zeigt Belege der "Eisbergfreistadt". Foto: NEELSEN
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