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Geschrieben von: LN Beitrag Sonntag, den 08. November 2009 um 00:00 Uhr

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03.engholmDer Lübecker Björn Engholm feiert morgen seinen 70. Geburtstag. „Rundum zufrieden“, meint der Jubilar. Die Politik hat der frühere Ministerpräsident längst hinter sich gelassen.Dieser Mann liebt sein Image. Braun gebrannt sitzt er da, die Pfeife lässig im Mundwinkel, die modische Krawatte fachgerecht gebunden.

Der Blick geht durch eine große Fensterfront auf alte, dickstämmige Bäume, die zwischen seiner neuen Wohnung und der Wakenitz gerade das Laub verlieren. Vor zwei Wochen ist Björn Engholm von Karpathos zurückgekehrt, „seiner“ Insel. 15, 16 Mal hat er den Urlaub, immer im Oktober, seit 1983 auf dem griechischen Eiland verbracht, das nur sehr behutsam dem Tourismus anheimfällt. Dort ist er nicht die ehemalige Politikgröße Engholm, der Sozi mit Bügelfalten, sondern nur Mensch. Dort sitzt der deutsche Urlauber nach eigenen Worten mit einfachen Leuten am Tisch und philosophiert mit ihnen über Gott und die Welt. Und wenn jemand aus der Runde stirbt wie jüngst ein Fischer – zehn Jahre jünger als er –, dann trauert er mit. Sagt er.Pünktlich zu seinem runden Geburtstag ist Engholm zurück an der Trave. Im Lübecker Rathaus wird es einen Empfang geben. Anschließend wird er in der Winterkirche von St. Jakobi feiern, seiner Lübecker Lieblingskirche, in der seine drei Enkel getauft wurden. „Freunde von mir organisieren das.“ Freunde – das sind auch Politiker, doch „die Politik, die liegt weit hinter mir“.
Es war 1993. Engholm stand im Zenit seiner Karriere. Der smarte Lübecker, der Frauentyp, war im sechsten Jahr Ministerpräsident. Und er war seit zwei Jahren Bundesvorsitzender der SPD. Das Kanzleramt schien nicht unerreichbar. Doch die Barschel-Pfeiffer-Affäre von 1987 holte Engholm ein. Er musste eine Falschaussage zugeben. Engholm hatte 1987 eher als von ihm immer behauptet von den Machenschaften in der Kieler Staatskanzlei gewusst. Ein politischer Gau für die SPD. Engholm, der große Hoffnungsträger der Partei, der Mann, der mutig den Mief aus dem Land vertrieben hatte (so Heide Simonis über Engholm), trat von allen Ämtern zurück.
Bereut habe er diesen Schritt „wirklich nie“, behauptet Engholm, der jahrelang die Hitparaden der Meinungsforscher angeführt hatte. „Es war eine Art Befreiung.“ Der Bundesparteivorsitz habe einfach nicht seinen Vorstellungen entsprochen. „Ich bin nie ein Parteimensch gewesen. Das war nicht mein Leben.“ Engholm, der sensible Schöngeist, erzählt von Intrigen und Ellbogenmentalität. „Da oben wird mit ziemlich harten Bandagen gearbeitet. Da wird von Leuten an deinem Stuhl gesägt, die du für Freunde hältst.“ Und er nennt Namen von Genossen der ersten Reihe. „Aber die schreiben Sie besser nicht.“
Über ein Comeback in die Politik hat er danach nur einmal nachgedacht. Irgendwann, Mitte der 90er Jahre, habe man ihn gefragt, ob er nicht Lübecker Bürgermeister werden wollte. Er sagte Nein, obwohl er diese Stadt über alles liebt. „Lübeck ist Heimat“, sagt er und schwärmt von den Gängen, den Plätzen, den Häusern, der Silhouette der Hansestadt. „Hier kenne ich jede Ecke.“ Und er, der meint, die Altvorderen sollten ihren Polit-Nachfolgern keine Ratschläge mehr geben („Simonis kann’s einfach nicht lassen“), muss dann doch einen Ratschlag loswerden: „Die Parteien im Lübecker Rathaus sollten bei den großen Zukunftsthemen dieser Stadt einen Konsens finden.“ Den Flughafen zählt er zu einem solchen Thema. „Wo es zu viel Konflikt gibt, wächst auch keine Hoffnung für die Bürger“, wird Engholm philosophisch. Diese Pose des belesenen Intellektuellen liebt er.
Engholm ist heute Privatier, engagiert sich für Kultur, Bildung und seine Heimatstadt. Er ist Vorsitzender des Hochschulrats der Muthesius- Kunsthochschule Kiel und des Kulturforums Schleswig-Holstein, sitzt seit Juli 2008 außerdem im Aufsichtsrat der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG), nachdem er sein Amt als Kulturkurator der Lübecker Petri-Kirche abgegeben hatte. „Für mich ist Kultur der Bereich, in dem Innovation stattfindet, in dem Grenzen gesprengt werden, in dem Neues ausprobiert wird“, sagt er. „Für Leute, die Politik betreiben, eine wichtige Erfahrung.“ Ist das nicht schon wieder ein Ratschlag?
Engholm und die Kultur – das hat offenbar auch tiefere Gründe. „Björn Engholm braucht diese Muße, um wirklich gut sein zu können“, hat ein Weggefährte, der ehemalige SPD-Fraktionschef Gert Börnsen, ihn einmal charakterisiert. Andere sagen einfach: Engholm ist kein Arbeitstier.
Kultur liegt für Engholm auch in seinem Keller, seinem Weinkeller. Er habe zurück zu deutschen und österreichischen Weinen gefunden, erklärt er. „Ein Silvaner, ein Spätburgunder, herrlich . . .“ Der Genuss eines Rieslings habe sich für einen 70-Jährigen erledigt. „Dessen Säure ist für den Magen älterer Herren gewöhnungsbedürftig.“
Ein paar Rebstöcke „in guter Lage“ nennt Engholm sein Eigen. „Helmut Schmidt ist schuld“, lächelt er. Der habe am 23. Dezember Geburtstag und dazu immer in den Kanzlerbungalow eingeladen. Eigentlich wollten Staatssekretäre und Minister zu diesem Zeitpunkt aber längst im Weihnachtsurlaub sein. Weil er aber keine Lust gehabt habe, aus Lübeck zurück nach Bonn zu fahren, habe er die Zeit 1979 mit einer Wanderung im Rheingau überbrückt. Dort stieß er im hessischen Kiedrich auf 590 Quadratmeter Wingert – der Begriff für ein kleineres Stück Weinberg –, den ein älterer Herr mangels Erben veräußern wollte. So weit die Anekdote, wie Engholm zum Winzer wurde.
Heute teilt sich Engholm den Ertrag des Weinbergs, rund 300 Flaschen jährlich, mit acht Freunden – darunter die Ex-Politiker Egon Bahr und Gisela Böhrk sowie der Lübecker Galerist Frank-Thomas Gaulin.
Für die nötige Fitness des 70-jährigen Weinkenners sorgen drei Enkelkinder im Alter von zwei, vier und sechs Jahren – „und alle männlich“. Sie stammen von seinen Töchtern Kerstin, Galeristin in Wien, und Britt, Hebamme in Lübeck. Verheiratet ist Engholm seit 1965 mit Frau Barbara. Die Malerin ist eine Nichte der berühmten Dresdner Tanzpädagogin Gret Palucca. Ein Bild neben dem anderen hat Platz an den Wänden der neuen Wohnung gefunden. Die liegt im Gegensatz zur letzten ebenerdig. „Wenn man älter wird, ist das mit dem Treppensteigen schlecht“, erklärt der Jubilar den Umzug auf die alten Tage.

Von Curd Tönnemann
ln-online/lokales vom 08.11.2009 00:00:08
Foto: Herzlichen Glückwunsch! Björn Engholm feiert seinen 70sten.

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